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interview

„Arbeit? Nein danke! Faulsein? Keine Lust!“

Tobi Rosswog fordert ein Ende der Erwerbsarbeit

Tobi Rosswog fordert ein Ende der Erwerbsarbeit

Tobi Rosswog will aus intrinsischer Motivation heraus tätig sein und lehnt Erwerbsarbeit ab. In seinem Buch “After Work” zeichnet er Wege für ein neues Leben ohne Erwerbsarbeit, die weit über ein bedingungsloses Grundeinkommen hinausführen.

Die Alternativen für eine “Post-Work-Gesellschaft” sind da, ist Tobi Rosswog überzeugt. Der Autor, Aktivist, freier Dozent und Speaker zeigt in seinem Buch “After Work” Alternativen für unsere auf Erwerbsarbeit basierende Gesellschaft auf.

Tobi, du gehst in deinem Buch „After Work“ mit dem Prinzip Erwerbsarbeit hart ins Gericht. Was ist deine Kritik der Arbeit?

Arbeit ist fast immer sinnlos, entfremdet, ausbeuterisch, krankmachend, zerstörerisch und hierarchisch. Ihr zugrunde liegt die Tauschlogik. Wir verkaufen unsere Lebenszeit an die Arbeitgeberin und machen im Gehorsam beinahe alles was von uns verlangt wird. Das Prinzip von Leistung und Gegenleistung wird damit verfestigt und das führt zu Leistungszwang, Selbstverwertung und Optimierungswahn. Wir arbeiten nicht aus intrinsischer, also innerlicher, sondern aus extrinsischer Motivation: für das Geld, mit dem wir unsere Grundbedürfnisse nach einem Dach über dem Kopf, einen gefüllten Bauch, Anerkennung und einigem mehr erfüllen. Vielen macht das keine Freude. Wir quälen uns nach dem Klingeln des Weckers aus dem Bett. Das sollte ein Ende haben!

Was schlägst du stattdessen vor?

Es gibt eine Alternative, die ich nicht mehr als Arbeit bezeichne, sondern Tätigsein aus intrinsischer Motivation – ein Akt der Selbstbestimmung, der sinnhaften Verantwortungsübernahme, um wirklich das zu tun, was uns und andere weiterbringt und aufgrund unseres inneren Drangs in verschiedener Form Ausdruck findet. Natürlich bewegt sich das zwischen „Lust und Notwendigkeit“ (Kratzwald).

Mein Motto dabei ist: „Arbeit? Nein danke! Faulsein? Keine Lust!“

Ich setze mich ein für eine Welt, in der wir nicht mehr arbeiten müssen, um endlich tätig werden zu dürfen. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass wir uns in Sachzwängen bewegen und mir ist wichtig klar zu stellen, dass ich nicht gegen die Person bin, die mehr oder weniger gezwungen ist diesen oder jenen Job auszuüben. Unser Problem heißt Arbeit.

 


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Du zitierst u. a. Marianne Gronemeyer, die sagt, dass „beinahe alles, was heute berufsmäßig an Arbeit verrichtet wird, menschen- und naturschädigend ist“. Ist diese Sicht nicht viel zu einseitig? Wir bei der Triodos Bank haben mit Unternehmen zu tun, deren DNA positiver ökologsicher und/oder sozialer Wandel ist. Außerdem streben immer mehr Menschen – insbesondre junge – danach, ihre Arbeit aufgrund von Sinnhaftigkeit auszusuchen. Da tut sich doch schon ganz viel…

…natürlich tut sich da schon ganz viel und das ist auch großartig. Immer mehr Menschen werden bewusster, hinterfragen vermeintliche Selbstverständlichkeiten und möchten

Tobi Rosswog

Tobi Rosswog

anders leben. Und dabei geht es nicht nur um ein gutes Leben für mich, sondern für alle. Sie setzen nicht mehr auf Erfolg, Geld und irgendwelchen anderen Prestige, sondern stellen die Sinnfrage. Gleichzeitig sollten wir aber auch die Machtfrage stellen. Denn eigentlich müssen sich bei genauerer Betrachtung alle Unternehmen im Kapitalismus Spielregeln unterwerfen, die auf Konkurrenz beruhen. Die Struktur dahinter ist also das Problem. Weil junge Menschen das immer mehr merken, verweigern sie auch ihre

Ist ein bedingungsloses Grundeinkommen für dich die Antwort auf eine Gesellschaft jenseits von Arbeit? Oder überzeugen dich andere Konzepte mehr?  Wenn ja welche?

Das BGE ist ein wichtiger Impuls für unsere Gesellschaft. Die Frage die gestellt wird, ist radikal: Was würdest Du tun, wenn Geld keine Rolle spielt? Damit sprechen wir Menschen endlich einen leistungsfreien Selbstwert zu und entkoppeln damit Tätigsein von Existenzsicherung. Das ist vor allem deswegen so wichtig, da wir Menschen die Möglichkeit geben wirklich das Talent in sich zu entdecken, was sie gerne teilen und beitragen möchten. Der Verwertungszwang in unserer Gesellschaft zerstört im Grunde jegliches Potential, weil ich nicht überlegen kann, was wirklich sinnvoll für die Gesellschaft ist, sondern wo ich am Ende auf dem Arbeitsmarkt ein Platz finde, um Geld zu bekommen, damit ich dann meine Bedürfnisse stillen kann.

Insgesamt ist das BGE aber auch mit Vorsicht zu genießen, da es kapitalistische Verhältnisse auch einfach weiter stabil halten kann. Deswegen finde ich es viel reizvoller sich über ein Bedingungsloses Grundauskommen Gedanken zu machen. In den USA passiert das gerade und der Think Tank „Institute for the Future“ schlägt das Universal Basic Assets (UBA) vor. Da tut sich schon einiges.

Du selbst hast dein Studium geschmissen, deine Sachen verschenkt und zwei Jahre „geldfrei“ gelebt. Kannst du kurz umreißen, wie ein „geldfreies“ Leben funktioniert? Und kann es eine Alternative für viele von uns sein oder nur für wenige?

Im Grunde war und ist das Motto: „Vorhandenes sinnvoll nutzen.“ Das ist übrigens auch das Nachhaltigste was ich tun kann, weil ich keine weitere finanzielle Nachfrage schaffe für ein Angebot was sowieso schon in Hülle und Fülle da ist. Ein paar Zahlen, um einen Eindruck des unglaublichen Überflusses in Deutschland zu bekommen:

  • 50 % aller Lebensmittel werden weggeworfen
  • durchschnittlich konsumiert jede*r von uns 95 Kleidungsstücke im Jahr neu
  • es gibt viel ungenutzten Wohnraum – allein 2 Millionen Wohnungen stehen leer

Ich habe also das (mit-)genutzt, was eh schon da war. Konkret sah es so aus, dass ich beispielsweise via Foodsharing die durchschnittlich 45kg pro Supermarkt an genießbaren Lebensmitteln rettete und sie dann auch in so genannten Fairteilern weiter teilte. Kleidung zum Anziehen aus Umsonstläden oder von Kleiderschenkpartys, Wohnraum für ein Dach über den Kopf, wo ich eine Isomatte ausbreiten konnte und Autos, die einem beim Trampen von A nach B mitnehmen, gibt es mehr als genug, sodass ich dafür kein Geld brauchte. Das war eine Zeit voller wichtiger Erfahrungen und Perspektivwechsel. In diesen fast drei Jahren bin ich Menschen nicht mehr in den klassischen Rollen von Konsument*in und Produzent*in begegnet, sondern einzig allein war im Mittelpunkt die Frage nach den Bedürfnissen, die wir haben.

Natürlich war mir das nur aufgrund diverser Privilegien so radikal und konsequent möglich zu leben. Die Idee dahinter war allerdings eigentlich immer, dass es darum geht geldfreier zu werden und damit lohnarbeitsunabhängiger. Damit bekomme ich mehr freie Zeit, die ich zur Entfaltung meiner Talente nutzen kann und schaue, was ich genau in die Gemeinschaft einbringen mag. Das kann ich dann tun ohne mich verwerten zu müssen und baue so beispielsweise utopietaugliche Alternativen wie einen permakulturellen Gemeinschaftsgarten auf. Damit nutze ich auf der einen Seite den Überfluss, um einen Freiraum zu bekommen, damit resiliente Strukturen aufgebaut werden können.

 

Interview: Michael Rebmann

Porträt von Tobi: Manoel Eisenbacher

Titelfoto: Ryan Tang via Unsplash

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Edwinton vor 4 Wochen

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Julia vor 3 Wochen

Hört sich utopisch nicht schlecht an. Ich habe mich mit dem Thema noch nicht so viel befasst, habe aber Bedenken, dass eine ganze Gesellschaft sich so ausrichten kann. Wenn man das Ganze bis zum radikalen Ende denkt, sind wir doch wieder da, wo wir herkommen. Wenn alle nur noch Kleider tauschen, fehlen die, die den Kreislauf neu befüllen. Und wer ist schon intrinsische motiviert, Müll zu entsorgen oder sonstige unliebsamen Arbeiten zu verrichten, die notwendig sind aber nicht erfüllend? Kommen wir dann nicht zurück zur vor-atbeitsteiligen Gesellschaft, wo jeder sich selbst um alle Belange seines Lebens kümmern muss? Bestimmt sind das oft gehörte Gegenargumente, ich freue mich also auch über Lesehinweise.

Antwort an Julia
Ayo vor 3 Wochen

Servus Julia,
ich bin Diplom-Ingenieur und habe viele Jahre als Subunternehmer für eine große Messebaufirma gearbeitet die Messestände von den ganz großen Automobilfirmen aufgebaut hat.
In den Pausen wo mal nichts zu tun war, habe ich mir mit Freude eine Besen geschnappt und den Hof blitzblank gekehrt oder Regale ausgeräum, sauber gemacht und den ganzen Dreck weggeschafft.
Mir ist dabei kein Zacken aus der Krone gebrochen – es war meditativ zu kehren und hat Laune gemacht daß nachher alles geglänzt hat.
Das zu deinem Argument, wer denn die “unliebsamen” Arbeiten verrichten soll.
Auch in unserem Haushalt habe ich nicht das geringste Problem damit, den Müll runter zu tragen oder mal Dreck aufzuheben, den andere achtlos wegwerfen.
In der Natur gibt es übrigens keinen Müll, sondern nur absolut notwendige Kreisläufe.
Vielleicht sollten wir uns da davon etwas abschauen, oder ?

Martin vor 3 Wochen

Lass mich raten: Für seine Aktivitäten als Dozent, Speaker und Buchautor bekommt er Geld. Na das ist ja mal sowas von arbeitsfrei. Ich möchte mal wissen ob einer unserer Urahnen immer Bock darauf hatte dem Wild hinterherzulaufen. Tat er es nicht hab es dann halt nur Beeren die er aber auch wieder mühsam sammeln musste. Willkommen im 21. Jahrhundert.

Jutta vor 3 Wochen

Dazu zwei Gedanken: ich habe selbst vor ein paar Jahren eine 180-Grad-Kehrtwendung gemacht, um mit selbstbestimmter Tätigkeit meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Zwar bin ich tatsächlich seitdem frei von Sachzwängen wie dem Wecker um sieben, der Anwesenheitspflicht im Büro, den unbezahlten Überstunden, Problemen mit Kollegen und dem Chef… aber hurrah, ich finde mich in neuen Sachzwängen wieder, denn man hat IMMER mit Menschen zu tun, ihren Macken, Forderungen, Unzulänglichkeiten. Wenn ich nicht wie ein Nomade leben will, muss ich mich innerhalb des Systems bewegen, Projekte zum Laufen bringen, Geld verdienen, Leistung erbringen und – ganz wichtig – auch von anderen Leistung einfordern. Sonst läuft das nicht.
Und der zweite Punkt: kurz nach dem Studium fand ich es auch okay, mit einer Matratze und ein paar Büchern zu überdauern. Manche können ihr ganzes Leben so verbringen, aber nicht alle. Ich finde, man muss sich nicht schämen und ist auch kein Sünder, wenn man den Komfort einer warmen Wohnung und selbstgewähltem Essen dem Essen aus dem Abfallcontainer und der Isomatte vorzieht. Abgesehen davon, dass so ein Konzept nicht für alle Lebensphasen eine gesunde Alternative ist.
Wenn es nur möglich wäre, dass die ganze Gesellschaft sich hin zu mehr Nachhaltigkeit und Humanität bewegt, ohne sofort auf alles Bestehende zu verzichten!

Matteo vor 3 Wochen

Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Viele rackern sich ab mit einer 50-60 h Woche ab und gepaart mit der Automation bzw. Digitalisierung schafft das eine sehr hohe Produktivität. Das reicht problemlos für eine Bevölkerungsgruppe mit wenigen Ansprüchen.
Aber kann man so einen Lebensstil in weniger reichen Ländern auch umsetzen? Länder, wie Mail, Ghana, Uganda, Pakistan, Indien, Chile…
Dort herrscht oft noch die Maxime “The struggle of Live”, dass die junge, westliche Generation überhaupt nicht mehr kennt.
Wie wirkt denn diese Visionen des BGE auf die 2. und 3. Welt, die sich explosionsartig vermehrt?

Elke Zetl vor 1 Woche

BGE hört sich zuerst sozial und gerecht an. In einer kapitalistischen Gesellschaft wird jedoch JEDE Form von Einkommen durch Produktion generiert. Auch sogenannte „leistungslose“ Einkommen – zu denen ebenso Kapitalerträge und Erbschaften gezählt werden können – wurden IMMER vorher in irgendeiner Form erarbeitet. Schon allein deshalb hat die Utopie des BGE einen enormen volkswirtschaftlichen Haken.

Die BGE-Befürworter scheinen zu glauben, dass die gutbezahlten und sinnstiftenden Jobs so breit gesät sind, dass daraus die unbezahlten und sinnstiftenden Arbeiten für BGE-Empfänger erwirtschaftet werden können. Mit ihrer Forderung implizieren sie auch, dass Menschen nur dann arbeiten müssen, wenn sie das wollen und dass damit alle schlecht bezahlten und sinnfreie Jobs logischerweise wegfallen müssten.

Die Tatsache, dass das BGE bereits bei Konzern-Managern (z.B. von Telekom und Siemens) Zustimmung findet, sollte alle BGE-Utopisten aufschrecken lassen. Das BGE ist nämlich bestens zur Aushöhlung des Sozialstaates geeignet, der Armutsforscher Christof Butterwegge hat das ausreichend erläutert und der Volkswirt Heiner Flassbeck hat in seinem Buch „Irrweg Grundeinkommen“ umfangsreich die Zusammenhänge des BGE beschrieben. Laut Flassbeck lässt sich das soziale Dilemma am besten über eine Anpassung der Löhne an die Produktivität lösen.

Und hier noch ein Link zum Weiterlesen:
https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2018/februar/mit-dem-grundeinkommen-gegen-den-sozialstaat

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