Um unsere Website für Sie weiter zu verbessern, benutzen wir Cookies. Durch Nutzung der Seite stimmen Sie unserer Cookie-Richtlinie zu. Mehr über Cookies.

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close

neuigkeit

Buen Vivir – wenn nicht das Mehr sondern das Gleichgewicht zählt

Lateinamerikanische Impulse auf der Fair Finance Week

Lateinamerikanische Impulse auf der Fair Finance Week

Wie kann gesellschaftlicher Wohlstand abseits von Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Wirtschaftswachstum gemessen werden? Sollte der Begriff Wohlstand neben dem materiellen Aspekt nicht auch ökologische und soziale Dimensionen umfassen? Als sich die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags vor rund fünf Jahren auf die Suche nach einer Alternative zur Wohlstandsmessung machte, schauten ihre Mitglieder mit großem Interesse auf die Andenländer in Lateinamerika. Denn dort hat sich in den vergangenen Jahren ein alternatives Konzept zu Wohlstand und Wachstum entwickelt: Buen Vivir, das Gute Leben, beruht auf Wertevorstellungen und Philosophien der indigenen Kulturen der Andenländer. In Bolivien und Ecuador ist es inzwischen Teil der Verfassung.

Thomas Fatheuer von der Heinrich Böll Stiftung lebte lange Jahre in Südamerika und gilt als ausgesprochen guter Kenner des Buen Vivir. Im Rahmen der Fair Finance Week ging er im Haus am Dom der Frage nach, ob das Konzept auch für den deutschen Kontext produktive Impulse liefern kann. Der zweite Abend der Fair Finance Week wurde von Oikocredit Hessen-Pfalz organisiert.

Buen Vivir versteht sich als alternatives Konzept. Es stellt die westlich geprägten Vorstellungen von Fortschritt und Wohlstand sowie die Entwicklungsmodelle infrage. Buen Vivir sei „kein individuelles Konzept“, sagt Fatheuer, sondern ziele auf die Gemeinschaft ab. „Nicht das Mehr zählt, sondern das Gleichgewicht“. Es grenzt sich stark von den Modellen der Entwicklungspolitik ab, die Teile der Welt als „unterentwickelt“ definieren.

Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit als Grundsätze

Die Rechte der Natur spielen in dem Konzept der lateinamerikanischen Länder eine wichtige Rolle: In Ecuador wird der Natur das Recht auf Existenz, Erhalt und Regenerierung ihrer Lebenszyklen zugesprochen. Der Staat verpflichtet sich, die Natur zu schützen und den Respekt für alle Elemente der Ökosysteme zu fördern. In Bolivien gibt es ein „Mutter-Erde-Gesetz“ mit ähnlichen Aspekten.

Oico Credit

Der Abend zum Thema Buen Vivir wurde von Oiko Credit organisiert.

Die grundsätzlichen Werte des Buen Vivir sind Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit. Um ein soziales Gleichgewicht zu erreichen, bedarf es einer Umverteilung: Alle Bürger sollten mindestens mit dem Wichtigsten versorgt sein und ein Leben in Würde führen können. In Ecuador hat Buen Vivir spürbar zum Erfolg geführt: Der sogenannte Gini-Koeffizient, mit dem die Ungleichheit in Gesellschaften beschrieben wird, sank von 0,62 Punkten im Jahr 2003 auf 0,47 Punkte 2011. In Bolivien ist im gleichen Zeitraum die Zahl der unterernährten Menschen um zwei Drittel gesunken.

Buen Vivir in Ecuador und Bolivien sei aber auch eine „Welt der Widersprüche“, sagt Fatheuer. Während auf der einen Seite die Natur besonders geschützt werde, würden auf der anderen Seite Ressourcen ausgebeutet – beispielsweise Lithium in Bolivien oder auch Öl- und Gasvorkommen in Ecuador. Der sogenannte Neo-Extraktivismus beschert den Staaten hohe Einnahmen, die an die Bevölkerung umverteilt werden, allerdings auf Kosten der Natur. Ecuadors ehemaliger Minister für Energie und Bergbau, Alberto Acosta, versuchte das Dilemma zu umgehen: 2007 bot er der internationalen Gemeinschaft an, die Ölfelder in einem Regenwaldgebiet unberührt zu lassen, wenn Ecuador im Gegenzug Ausgleichszahlungen erhält. Er scheiterte. Kein Land der Staatengemeinschaft war bereit, entscheidende Summen als Ausgleich zu zahlen.

Thomas Fatheuer

Thomas Fatheuer.

Laut Fatheuer können wir in der westlichen Welt vor allem ein Gefühl aus dem Konzept Buen Vivir ziehen: Und zwar unseren Fokus mehr auf die Gemeinschaft zu legen. Unsere gemeinschaftlichen Institutionen, wie öffentlicher Nahverkehr oder Schwimmbäder, gäbe es in vielen anderen Ländern in der Form nicht. Wir sollten lernen, sie wieder mehr zu schätzen, ist Fatheuer überzeugt.

Die Fair Finance Week des Fair Finance Networks Frankfurt findet dieses Jahr vom 14. bis 18. November in der Mainmetropole statt. Nachhaltigkeit, Transparenz und Finanzgeschäfte, die der Gesellschaft dienen, sind die gemeinsamen Zielsetzungen des Fair Finance Networks. Die Fair Finance Week stellt als Veranstaltungswoche ein Ergänzungsangebot zur Euro Finance Week, dem traditionellen Branchentreffen von Banken und Finanzinstituten, dar. Letzteres findet ebenfalls vom 14. bis 18. November in Frankfurt statt. Während sich die Euro Finance Week speziell an ein Fachpublikum wendet, sind zur Fair Finance Week ausdrücklich alle eingeladen, an den verschiedenen Themenabenden teilzunehmen und mitzureden.

Mehr zu Buen Vivir von Thomas Fatheuer gibt es hier.

Text: Michael Rebmann

Was denken Sie über "Buen Vivir – wenn nicht das Mehr sondern das Gleichgewicht zählt"?

Bitte hinterlassen Sie einen Kommentar

Bitte tragen Sie Ihren Namen ein