Um unsere Website für Sie weiter zu verbessern, benutzen wir Cookies. Durch Nutzung der Seite stimmen Sie unserer Cookie-Richtlinie zu. Mehr über Cookies.

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close

Einblick

Ein bewegtes Leben

Jan Becker ist Vollzeitaktivist in der Anti-Atomkraft-Bewegung. Im Interview sprach der Gründer des Informationsnetzwerks contrAtom mit uns über sein politisches Engagement und warum es auch mit der Stilllegung aller Atomkraftwerke in Deutschland nicht enden kann.

Sie sind seit Ende 2010 Bewegungsarbeiter bei der Bewegungsstiftung. Was bedeutet das?

Ich wurde nach meinem langjährigen ehrenamtlichen Engagement in der Anti-Atom-Bewegung in das Patenschaftssystem der Bewegungsstiftung aufgenommen. Als Bewegungsarbeiter werde ich monatlich finanziell unterstützt von Menschen, die meine Arbeit als Vollzeitaktivist gut finden. Diese Paten suche ich mir selbst. Die Bewegungsstiftung unterstützt mich deshalb in Sachen Öffentlichkeitsarbeit. Momentan gibt es bundesweit acht Bewegungsarbeiter. Meine Kollegen arbeiten in anderen sozialen Bewegungen – bei Attac, Flüchtlingsbewegungen und so weiter – und engagieren sich teilweise auch in der Anti-Atomkraft-Bewegung. Ich konzentriere mich ausschließlich auf das Thema.

Sie haben die Internetplattform contrAtom gegründet. Warum sind Sie nicht einfach aktives Mitglied einer Nichtregierungsorganisation geworden?

Ich war lange Jahre bei Robin Wood aktiv und habe auch eine Ortsgruppe von Greenpeace mitgegründet. Das, was ich mit contrAtom mache, hat mit dem Arbeiten dieser Organisationen nicht viel zu tun. Es ist eine extrem flexible Angelegenheit und nicht eingebettet in eine vorgegebene Kampagne. Mit contrAtom kann ich mit einer Handvoll Leute auch ganz schnell reagieren und eine Aktion machen, wenn ein Thema hochkommt. Das ist der Grund, warum ich am Ende den großen Organisationen den Rücken gekehrt und lieber „meins“ gemacht habe. Das funktioniert hervorragend, sodass die Wahrnehmung nach außen eine ganz andere ist. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren gemeinsam mit den großen Verbänden Anti-Atomkraft-Demos organisiert, und so entsteht das Bild, dass contrAtom selbst eine große Organisation ist. Vom Aufwand und den Mitarbeitern dahinter ist das natürlich nicht die Realität.

Was erfährt ein Besucher auf der Website contrAtom.de, das er auf anderen Plattformen oder in den Online-Angeboten von Tageszeitungen nicht erfahren würde?

Das Wichtige unserer Arbeit ist das Filtern. Wir suchen täglich die wichtigsten Informationen heraus und sortieren sie nach Ländern, Themen und vor allem auch Atom-Standorten. Einerseits erhält man so einen aktuellen Überblick, ohne großartig suchen zu müssen. Denn wir beanspruchen Google aufs Äußerste, und das muss unser Leser dann nicht mehr tun. Andererseits entsteht dadurch, dass wir die Schlagworte einbauen, auch ein umfassendes Archiv. Bestimmte Historien, wie zum Beispiel die Diskussion um das Endlagersuchgesetz, können anhand der Chronologie des Archivs problemlos nachverfolgt werden. Wenn ich mir das in Tageszeitungen selbst zusammensuchen müsste, würde das sehr viel Zeit beanspruchen. Ergänzend kommentieren wir, arbeiten eigene Schwerpunkte heraus und liefern dadurch auch Argumente. Man sagt mir nach, dass ich die aktuellste Anti-Atom-Website Deutschlands pflege.

contrAtom fordert, alle AKWs ohne Kompromisse stillzulegen. Kritiker einer sofortigen Energiewende warnen vor steigenden Strompreisen und höherem Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase? Was sagen Sie dazu?

Deutschland ist auf einem guten Weg mit dieser Energiewende, aber da geht noch mehr. Man muss es nur wollen. Und wir haben nach Fukushima gesehen, was möglich ist, wenn man es politisch will. Plötzlich wurden acht Atomkraftwerke abgeschaltet und es gab trotzdem keinen Blackout. Vor Fukushima war selbst die Abschaltung dieser acht AKWs technisch als unmöglich dargestellt worden, es hieß, Deutschland säße sonst im Dunklen. Diese Themen sind sehr von Propaganda geprägt. Die Diskussion um die Energiewende läuft gerade in die Richtung, dass der Öffentlichkeit der erhöhte Strompreis als Begründung für eine Laufzeitverlängerung für die bestehenden Atomkraftwerke aufgetischt wird. Es gibt eine Menge solcher Argumente, die zeigen, dass die Atomlobby immer noch einen unglaublich großen Einfluss auf die Medienwelt hat. Ich habe eine Serie erarbeitet, die ganz gut zu dieser Frage passt, sie heißt „Die Wahrheit zum Atomausstieg“.

Nehmen wir an, alle Atomkraftwerke in Deutschland wären stillgelegt. Was würden Sie dann machen?

Die Atomkiste ist selbst mit dem Stilllegen der Atomkraftwerke noch lange nicht vorbei – das zeigen die acht Anlagen, die im März 2011 vom Netz gegangen sind. Die Betreiber reden schon heute davon, dass sie mehrere Jahrzehnte brauchen werden, bis diese Anlagen abgebaut sind. Und was abgebaut heißt, das wissen sie selbst noch nicht so richtig. Am Beispiel von Gorleben wird ganz klar, dass wir nicht von 2020 oder 2022 reden, bis vielleicht der letzte Meiler vom Netz geht. Wir reden von einem Problemfeld, das Hunderte, wenn nicht gar Tausende Jahre währen wird. Unsere Aufgabe nach der Stilllegung wird sein, den Betreibern weiter auf die Finger zu schauen. Denn schon heute läuft mit dem Rückbau der Anlagen so viel schief. Das Asse-Desaster hat gezeigt, dass kostengünstige Lösungen zulasten der Gesundheit der Bevölkerung gehen. jm

Jan Becker ist Vollzeitaktivist und bereits seit 2001 in der Anti-Atom-Bewegung aktiv. Wegen der Atommülltransporte in der Nähe seines Wohnorts erwachte sein politisches Engagement. Mit contrAtom hat der Umweltwissenschaftler ein unabhängiges Informationsnetzwerk gegen Atomenergie geschaffen und setzt sich für den sofortigen Ausstieg aus der Nutzung der Atomenergie ein. Der 30-Jährige ist seit November 2010 Bewegungsarbeiter im Patenschaftssystem der Bewegungsstiftung, die Anteilseigner der Triodos Bank ist.

Was denken Sie über "Ein bewegtes Leben"?

Bitte hinterlassen Sie einen Kommentar

Bitte tragen Sie Ihren Namen ein