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einblick

„Ein bisschen ist immer noch besser als gar nichts“

Im Fernsehen ermittelt Andreas Hoppe als Tatort-Kommissar. Im wahren Leben kämpft er gegen Ölpipelines, engagiert sich als Tierschützer und gibt nachhaltigem Banking im Kurzfilm „Triodos Bank in einer Minute“ eine Stimme. Warum er sich so vielseitig engagiert und wo er Kraft und Ruhe tankt, das hat uns der Schauspieler im Interview verraten.

Mit Ihrer Walkampagne wollen Sie auf die Natur-Zerstörung in Kanada durch den Abbau von Teersand aufmerksam machen. In Europa wird das „dreckigste Öl der Welt“ kritisch betrachtet und es sah so aus, als würde die EU den Import sanktionieren. Stattdessen hat die EU-Kommission der Einfuhr von Öl aus Teersand nun einen Freibrief erteilt*. Was bedeutet das für die Walkampagne und den geplanten Dokumentarfilm über den Teersandabbau?

Mit der Walkampagne werden wir weiter gegen den Teersandabbau eintreten. Und wir wollen einen Dokumentarfilm drehen, der die Zusammenhänge verdeutlicht. Denn dieses Öl wird auch nach Europa exportiert. Nach Informationen von ARD-Plusminus baut Exxon in Antwerpen eine Raffinerie für eine Milliarde Euro um, um dieses Öl verarbeiten zu können. Es wäre schön gewesen, wenn die EU gezeigt hätte, dass es ihr ernst mit dem Klimaschutz ist. Kanada hat viel Lobbyarbeit betrieben und damit den Gegenwind in Europa gebrochen, ohne dass die Öffentlichkeit davon etwas mitgekriegt hat. Ich wundere mich immer wieder, dass kaum jemand über diese zerstörerische Ölförderung Bescheid weiß. Wenn ich davon erzähle, schauen mich immer alle groß an und sind überrascht, dass so etwas heute noch möglich ist.

Dinge einfach geschehen zu lassen und zu sagen: „Wir können sowieso nichts machen“, das finde ich eine deprimierende Vorstellung für eine Gesellschaft.

Neben ihrem Einsatz für die Wildnis Kanadas unterstützen Sie die Tierschutzorganisation Vier Pfoten, Sie sind NABU-Wolfsbotschafter und haben den Kampf der Cree-Indianer für die letzten frei lebenden Waldbüffel in Kanada dokumentarisch festgehalten: Waren Sie schon immer ein engagierter Mensch oder gab es in Ihrem Leben einen Wendepunkt, an dem Sie gesagt haben: „Ich muss etwas tun?“

Im Prinzip war ich immer schon engagiert. Ich bin in den 1970-er Jahren groß geworden, habe mich als Jugendlicher für bestimmte Themen eingesetzt und bin auf Demos marschiert. Dinge einfach geschehen zu lassen und zu sagen: „Wir können sowieso nichts machen“, das finde ich eine deprimierende Vorstellung für eine Gesellschaft. Ich denke, es ist nicht nur für die Sache gut, sondern auch für einen selbst, zu versuchen, etwas zu bewegen, und sei es auch nur im Kleinen, im eigenen Leben. Ein bisschen ist immer noch besser als gar nichts.

Auch wenn es manchmal nach einem Kampf David gegen Goliath aussieht, wie im Falle Umweltschützer und Indianer gegen die kanadische Öl-Lobby ….

Natürlich gibt es immer Enttäuschungen oder Herausforderungen, vor denen man am liebsten kapitulieren möchte. In solchen Situationen frage ich mich immer, wie die Welt heute aussehen würde, wenn es die vielen kleinen und großen Initiativen nicht gegeben hätte. Es tut sich was, und es gibt viele Menschen, die etwas verändern wollen. Das habe ich immer wieder erlebt, als ich zu Lesungen mit meinem Buch über regionale Ernährung unterwegs war: Da kamen Leute auf mich zu und sagten ,,Toll, das versuche ich jetzt auch.“ Oder ich habe einen Bauern kennengelernt, der jahrelang prozessiert hat, damit er seine Tiere selbst töten darf, um ihnen den Transportstress zu ersparen. Oder Bauern, die mir erzählten, wie sie alte, fast vergessene Gemüse- und Obstsorten professionell anbauen.

Sie meinen Ihr Buch „Allein unter Gurken“. Darin beschreiben Sie die Höhen und Tiefen ihres Experiments, sich ein Jahr lang regional zu ernähren. Daneben haben Sie als „Kommissar im Kühlschrank“ – einer Dokuserie im SWR-Fernsehen – Familien bei ihrem Weg in die regionale Ernährung begleitet. Ist regionale Ernährung für Sie die Grundessenz einer nachhaltigen Lebensweise?

Regional ist gerade ein überstrapazierter Begriff. Dabei gibt es keinen wirklichen Schutz für den Regionalbegriff. Ich war zu Lesungen in Hotels eingeladen, die den regionalen Gedanken ernsthaft betreiben und dann standen dort Gerichte auf dem Speiseplan, deren Zutaten aus 250 Kilometer Entfernung stammten. Da dachte ich: Ist das jetzt noch regional?

Man schafft das irgendwann, aber es bedarf eines Umdenkens und viel Zeit, regionale Ernährung konsequent durchzuziehen.

Es geht meines Erachtens nicht so sehr darum, sich zu 100 Prozent regional zu ernähren, sondern ein Bewusstsein zu entwickeln. Sich zu überlegen, wo bestimmte Lebensmittel herkommen, wie die Transportwege und die Lieferketten sind: Darüber findet man schon viele Ansätze für ,local food’, die man herauspicken kann, je nachdem, wie es einem der Alltag ermöglicht. Als ich den Selbstversuch unternommen habe, stand ich fast täglich vor neuen Herausforderungen: Kaffee, Kakao, Bananen und bestimmte Gewürze, die wachsen eben nicht in Deutschland. An Getreidekaffee gewöhnt man sich nur schwer. Man schafft das irgendwann, aber es bedarf eines Umdenkens und viel Zeit, regionale Ernährung konsequent durchzuziehen.

An Ihrem Wohnsitz in Mecklenburg-Vorpommern haben Sie während der Zeit Ihres regionalen-Ernährungsexperiments Gemüse und Obst angebaut. Kommen Sie bei ihrem unsteten Leben als Schauspieler überhaupt dazu, Ihren Garten zu pflegen?

So oft es geht, bin ich hier. Gottseidank habe ich eine befreundete Nachbarschaft, die gießt oder erntet, wenn ich unterwegs bin. Beim Drehen ist oft Hektik angesagt, da kostet jeder Tag Geld und es geht immer darum, schnell fertig zu werden. Wenn ich dann nach einem Dreh wieder hier in Vorpommern bin, komme ich mir immer ein bisschen wie aus der Zeit gefallen vor und genieße die Arbeit im Garten, das erdet mich. Meine Gemüsebeete werden von Jahr zu Jahr größer und vielseitiger. Ende November hatte ich  noch Mangold, Rote Beete und ein paar Rettiche in meinem Garten. Topinambur stand auch noch an ein paar Stellen – der macht sich klein geschnitten ganz herrlich im Salat, sehr nährstoffhaltig und von Heilpraktikern schwerstens empfohlen.

Sie haben auch ein Büro in Berlin. Am liebsten ist Ihnen aber die Abgeschiedenheit auf dem Land?

Ja, das kann man so sagen. Hier wird es richtig dunkel und still und die Uhren ticken langsamer. Das sind für mich Qualitäten, die mir zwischendurch ganz gut tun. Aber ich bin auch eine Berliner Stadtpflanze und neugierig, was in der Stadt so passiert. Ich brauche meinen kulturellen Input, sonst würde mir etwas fehlen. Ich gehe zum Beispiel gerne auf Konzerte. Wenn sich das eine mit dem anderen besser verbinden ließe, wäre das perfekt.

Immer wieder zieht es Sie nach Kanada und zu den dort lebenden First Nations. Was fasziniert Sie an der indianischen Kultur?

Die indianische Sichtweise auf die Welt und das Leben darin empfinde ich als respektvoll und versöhnlich. Für die Indianer ist die Natur Mitwelt, und nicht Umwelt, die man einfach vereinnahmen kann. In der Vorstellung der Indianer ist es zum Beispiel unethisch, Land zu verkaufen. Sie sagen: „Wie sollen wir Land verkaufen, das wir nicht besitzen, sondern das zu diesem Planeten gehört?“ In einigen indianischen Kulturen ist es sogar eine Verletzung von Mutter Erde, wenn man ihre Oberfläche aufbricht und etwas einbaut. Und dann stelle ich mir immer wieder vor, wie in Kanada tonnenweise Mutterboden abgetragen und mit Gift versetzt wird, um das Öl herauszulösen. Die indianische und westliche Kultur, das sind völlig verschiedene Welten.

Die indianische Kultur, wie Sie sie beschreiben, gibt es die überhaupt noch?

Natürlich sieht die indianische Welt heute oft alles andere als rosig aus. Bevor ich das erste Mal nach Kanada gereist bin, habe ich Indianerreservate in den USA besucht, was sehr deprimierend war. In Kanada hatte ich das Glück, Cree-Indianer zu treffen und an ihren Ritualen teilzunehmen. Sie haben irgendwie gelernt, sich in der weißen Kultur zu bewegen und sie versuchen, das Weltbild ihrer Urväter in ihr Leben zu integrieren. In Oujé-Bougoumou zum Beispiel hat der Stamm ein Gesundheitszentrum aufgebaut, in dem Ärzte und Medizinmänner nebeneinander arbeiten. Es gibt also Hoffnung, dass die indianische Tradition weiterleben wird. Ich kann nur sagen, da ist eine tiefe Verbundenheit mit den Indianern, die ich gar nicht genau definieren kann. Wenn ich mit den Crees zusammensitze, kehren Ruhe und eine tiefe Sehnsucht, aber auch Traurigkeit in mich ein.

In Ihrem Buch „Allein unter Gurken“ erwägen Sie einen Jobwechsel: Andreas Hoppe als Bio-Bauer. Können Sie sich tatsächlich vorstellen, Ihre Schauspielerkarriere für ein Leben als Bio-Bauer aufzugeben?

Ich würde mich als Bauer sicher wohl fühlen. Andererseits liebe ich meinen Schauspielberuf, auch wenn ich oft denke: Ach, wie gerne würde ich die nächsten Wochen auf dem Feld und im Beet arbeiten, Bäume beschneiden, Gras mähen und in der Erde buddeln. Neulich war ich auf der Messe „Schön & Gut“ bei den Schafzüchtern und die haben versucht, mir das Schafe scheren beizubringen. Ich komme aus einer Handwerkerfamilie, mag sein, dass ich deshalb so gerne körperlich arbeite und etwas mit meinen Händen schaffe. Die Liebe zur Natur und zum Gärtnern habe ich von meinen Großeltern, die sich mitten in Berlin-Schöneberg ein kleines Schrebergarten-Paradies geschaffen hatten. Das war für mich Lebenselixier, hier habe ich getobt, mit meinem Großvater angebaut und geerntet und meiner Großmutter in der Laube beim Obst einkochen und Brot backen zugeguckt. Das war schön und ich denke, wieder mehr selbst zu machen ist ein wichtiger Teil von Nachhaltigkeit. kh

*Laut „Treibstoffqualitätsrichtlinie“ vom 7. Oktober 2014, über den die Mitgliedsländer und das Europaparlament nun beraten sollen.

Wer Andreas Hoppe aus dem Ludwigshafener „Tatort“ kennt, wo er als Halbitaliener Mario Kopper ermittelt, mag überrascht sein, dass der Schauspieler in Wirklichkeit in Berlin geboren und aufgewachsen ist. Nach seiner Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover spielte der heute 54-Jährige an diversen Theaterbühnen. 1990 war Hoppe zum ersten Mal im Fernsehen in der Lindenstraße zu sehen; sechs Jahre später gab er sein Debüt als Tatort-Kommissar. Seitdem hat Andreas Hoppe in etlichen TV-und Filmproduktionen mitgespielt. Privat engagiert sich der Schauspieler für verschiedene Projekte im Tier- und Umweltschutz und lebt die meiste drehfreie Zeit über in seinem Hof in Mecklenburg-Vorpommern.

Andreas Hoppe lieh auch unserem Kurzfilm „Triodos Bank in einer Minute” seine Stimme.

 

 

 

 

Quellen Titelbild (von links nach rechts):

©Klaus Pommerenke/www.bears-and-more.de
©Claudia Summ
Screenshot „Triodos Bank in einer Minute”

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