Um unsere Website für Sie weiter zu verbessern, benutzen wir Cookies. Durch Nutzung der Seite stimmen Sie unserer Cookie-Richtlinie zu. Mehr über Cookies.

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close

Einblick

Ein Refugium für Pflegebedürftige

Wir haben das Senioren- und Pflegezentrum Rupprechtstegen besucht – um herauszufinden, wie pflegebedürftige Menschen mit Demenz leben. Mit Heimleitung und Mitarbeitern sprachen wir über den besonderen Schwerpunkt des Heims, eine neue Form der Schwerstpflege und die Herausforderungen des demografischen Wandels.

Ein kühler Novembermorgen in Mittelfranken. Wie es ganz typisch für diese Gegend ist, hängt der Nebel noch tief über den Wäldern rund um Rupprechtstegen. Erst am Nachmittag des Tages wird er aufreißen. Ein stattliches Gebäude erhebt sich auf einem Hügel über der sanft fließenden Pegnitz. An eine restaurierte Villa aus dem Jahr 1890 schließt sich ein moderner Neubau an. Der interessante Bruch in der Architektur ist ein äußerer Hinweis darauf, dass dieses Senioren- und Pflegezentrum etwas Besonderes ist: Die Einrichtung ist auf neurodegenerative Erkrankungen spezialisiert, was sehr selten ist. Besonders ist auch, dass Rupprechtstegen als eine der wenigen Einrichtungen in Bayern die neue Versorgungsform der sogenannten Pflegeoasen durch ein durchdachtes Konzept mit Leben erfüllt.

Kein ganz normales Altenheim

In Rupprechtstegen leben an Alzheimer erkrankte Menschen, aber auch eine Vielzahl von Bewohnern mit anderen, sehr unterschiedlichen neurodegenerativen Krankheitsbildern, die Pflegebedürftigkeit und Demenzsymptome mit sich bringen. Etwa das Korsakow-Syndrom, das vor allem bei Alkoholikern auftritt, aber auch durch schwere Kopfverletzungen hervorgerufen werden kann. Die erblich bedingte Huntington-Krankheit oder der Morbus Pick setzen meist schon um das 40. Lebensjahr ein. Auch manisch-depressive Erkrankungen oder Schizophrenie können zu kognitiven Einbußen und dem Verlust der Urteilsfähigkeit führen. Viele der Bewohner in Rupprechtstegen sind, verglichen mit der Altersstruktur in einem herkömmlichen Pflegeheim, recht jung. Rund 50 der 151 Bewohner des Zentrums sind unter 60 Jahre alt, der Altersdurchschnitt beträgt zurzeit 67 Jahre. Sabine L. Distler, Leiterin des Senioren- und Pflegezentrums Rupprechtstegen, erklärt: „Früher lebten beispielsweise pflegebedürftige Bewohner mit Schizophrenie in Altenheimen ‚eingestreut‘.“ Für die Bewohner und die Pflegenden sei das aber eine sehr belastende Situation, da die Bedürfnisse im Vergleich zu anderen gerontopsychiatrischen Erkrankungen unterschiedlich seien.

Das Senioren- und Pflegezentrum Rupprechtstegen ist sehr engagiert in der Weiterbildung seiner rund 110 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein Fortbildungskatalog informiert halbjährlich über interne und externe Angebote. Für seine innovativen Schulungskonzepte im Bereich Mundhygiene wurde Rupprechtstegen bereits zweimal mit dem Sonderpreis für Mundhygiene im Rahmen des Bundeswettbewerbs der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) geehrt. Das bayerische Sozialministerium hat eine wissenschaftliche Begleitung für das Pflegeoasen-Modellprojekt gefördert, weil es neben dem Raumkonzept zusätzlich die Aspekte Ethik und Gemeinschaft berücksichtigt.

Krisen vermeiden

Psychische Erkrankungen sind immer noch ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Es sei oft schwierig, Verständnis hierfür zu entwickeln und Vorurteile aus dem Weg zu räumen, sagt Distler beim Rundgang durch den „offenen“ Bereich der Einrichtung, in dem 77 Heimbewohner leben. Im „beschützten“ Bereich leben 74 Bewohner mit unterschiedlichen gerontopsychiatrischen Erkrankungen und einem besonderen Betreuungsbedarf. „Durch krank machenden Stress, unverarbeitete Schicksale und Familienkonflikte, Krankheiten oder Infektionen hat sich das Verhalten dieser Menschen verändert und ist irgendwann von der Norm abgerückt!“, erklärt Distler. In Rupprechtstegen gehe es vor allem darum, Krisen zu vermeiden und ein stabiles Umfeld zu bieten, Stabilität bedeute für psychisch kranke Menschen Entlastung und Lebensqualität. So geht es auch einer älteren Dame, die seit Jahrzehnten an Schizophrenie erkrankt ist: „Ich bin dankbar, dass ich hier sein darf mit meiner Erkrankung. Und ich finde es sehr schön, dass es so Einrichtungen für psychisch Kranke gibt und sie in ihrer seelischen Not aufgefangen werden. So wie ich.“ Als sie 2004 nach Rupprechtstegen kam, ging es ihr seelisch sehr schlecht. Auch heute hat sie noch jeden Tag mit ihrer Krankheit zu kämpfen; eine Krise aber hat die Bewohnerin seit sechs Jahren nicht mehr gehabt.

Allein oder zu zweit?

Die Bewohner leben in Einzel- oder Zweibettzimmern. Die Kosten sind für beide gleich hoch.

„Die Philosophie unseres Hauses ist, dass derjenige ein Einzelzimmer bekommt, der es braucht, und nicht nur derjenige, der es sich leisten kann.“

Brigitte Schorr, Pflegedienstleiterin in Rupprechtstegen

Die ältere schizophrene Bewohnerin lebte zunächst in einem Zweibettzimmer. Auch wenn sie bei vielen sozialen Aktivitäten mitmacht, gern den Gottesdienst besucht oder etwa beim Kartoffelschälen hilft, braucht sie einen Rückzugsort. Sie sei manchmal etwas menschenscheu und dann am liebsten in ihrem Zimmer, erklärt die Bewohnerin. Den Umzug in ein Einzelzimmer haben Heimleitung und Bewohnerin vorher intensiv miteinander besprochen. „Es ist schön, dass ich die Freiheit habe, mich zu entscheiden“, sagt sie erfreut.

Ein Refugium und keine Oase

Eine ganz andere Dimension bekommt das Spannungsfeld zwischen Privatsphäre und Gemeinschaft beim sogenannten Pflegerefugium Vis-à-Vis. Das Pflegerefugium in Rupprechtstegen ist ein bayerisches Modellprojekt, in dem seit Juli 2011 schwerstpflegebedürftige Menschen mit Demenz einen Lebensraum teilen. Aufnahmekriterien für das Pflegerefugium sind, dass bei den Bewohnern eine weit fortgeschrittene Demenz besteht, sie in ihrer verbalen Kommunikation und in ihrer Mobilität stark eingeschränkt sind und seit mindestens sechs Monaten in Rupprechtstegen leben.
Das Senioren- und Pflegezentrum Rupprechtstegen ist sehr engagiert in der Weiterbildung seiner rund 110 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein Fortbildungskatalog informiert halbjährlich über interne und externe Angebote. Für seine innovativen Schulungskonzepte im Bereich Mundhygiene wurde Rupprechtstegen bereits zweimal mit dem Sonderpreis für Mundhygiene im Rahmen des Bundeswettbewerbs der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) geehrt. Das bayerische Sozialministerium hat eine wissenschaftliche Begleitung für das Pflegeoasen-Modellprojekt gefördert, weil es neben dem Raumkonzept zusätzlich die Aspekte Ethik und Gemeinschaft berücksichtigt.
Das Pflegerefugium bietet Raum für sechs Bewohner; eine Pflegekraft ist rund um die Uhr anwesend. Das Konzept gibt es schon seit 1996 in der Schweiz, es wird üblicherweise als „Pflegeoase“ bezeichnet. In Deutschland wird die „Pflegeoase“ seit 2006 als alternative Versorgungsform unter wissenschaftlicher Begleitung erprobt. Mittlerweile gibt es hierzulande rund 30 dieser Pflegeoasen. In Rupprechtstegen wurde bewusst ein anderer Name gewählt. Den Anstoß gaben die Mitarbeiter, die zu bedenken gaben: „Wenn das die Oase ist, sind wir Mitarbeiter auf den anderen Wohngruppen die Wüste?“ Nachdem man sich eingehend mit dem Konzept der Pflegeoase auseinandergesetzt hatte, besann man sich in der Namensgebung darauf, was der Lebensraum eigentlich sein soll: ein Refugium, in dem sich die Bewohner beschützt und umsorgt fühlen.

Weniger allein sein

Normalerweise leben Bewohner mit schwerer Demenz in Deutschland mehrheitlich in Einzelzimmern. Bis auf die Pflegehandlungen sind sie die meiste Zeit allein. Das Konzept von Vis-à-Vis hingegen beruht auf Gemeinschaft. Im 110 Quadratmeter großen Mehrpersonenraum des Pflegerefugiums sind sechs Betten an drei Außenwänden verteilt. Deckenhohe Paneelvorhänge sorgen bei Bedarf für Privatsphäre. In der Mitte des Raums steht ein Tisch für Begegnungen, darüber spannt sich eine zehn Quadratmeter große verglaste Dachfläche und seitlich gibt es große Fenster mit Blick in den Wald. Zu dem innovativen Ansatz des Konzepts gehört auch, dass stets die gleichen vier Pflegenden die Bewohner des Refugiums umsorgen. „Das ermöglicht einen hohen Grad an präsenzgeleiteter Bedürfnispflege“, sagt Schorr. Die Pflegenden kennen die Bedürfnisse ihrer Bewohner sehr genau und können unmittelbar auf sie eingehen. „Wenn ich in der Frühe in den Raum komme und es ist noch dunkel, höre ich an den Geräuschen, wie es ihnen geht und ob sie schon wach sind“, bestätigt Gabriele Spiegler, eine der vier Pflegenden im Refugium. Distler ergänzt: „ Aber dass immer jemand da ist, macht den Unterschied.“

Eine Wohngemeinschaft in der Schwerstpflege?

Das neue Konzept der „Pflegeoase“ ist umstritten. Denn heute gibt es so gut wie keine Mehrbettzimmer mehr, weder in Krankenhäusern noch in Pflegeeinrichtungen: Viele Menschen verbinden Pflegeoasen mit den großen Bettensälen aus der Vergangenheit der Krankenpflege. Das schreckt viele ab. Die Leiterin Sabine L. Distler versteht die Diskussionen um die Privatsphäre. In Rupprechtstegen aber habe man andere Erfahrungen gemacht. Für Menschen im Vollbesitz ihrer kognitiven Fähigkeiten sei Privatsphäre sehr wichtig. Wenn jemand aber die Kriterien für das Pflegerefugium erfülle, rücke die Privatsphäre in der gewohnten Form in den Hintergrund. Dann überwögen die Bedürfnisse nach Nähe und Hilfe. Natürlich funktioniere das nicht für jeden, die Biografie müsse dazu passen. „Jemand, der immer ein Eigenbrötler war, wird wahrscheinlich nicht gern in einer engen Lebensgemeinschaft wohnen“, sagt Distler. Ein Bewohner wurde rückschrittlich in seinen früheren Wohnbereich zurückverlegt. Er zeigte Überforderungssymptome und vermehrte Unruhe. Zurück auf der gewohnten Wohngruppe, sei wieder eine Verbesserung eingetreten.
Die innovative Pflegesituation hat auch einen positiven Einfluss auf die Angehörigen der Pflegebedürftigen. Sie hätten nicht mehr das Gefühl, Mutter, Vater, Oma oder Opa allein im Einzelzimmer zurückzulassen, so Gabriele Spiegler. Die Verwandten der Bewohner kämen öfter zu Besuch und seien länger da.

„Wenn Menschen durch Demenz sprachlos werden, werden die Angehörigen mit sprachlos.“

Sabine L. Distler, Leiterin des Senioren- und Pflegezentrums Rupprechtstegen

Die diensthabende Pflegekraft im Pflegerefugium ist immer anwesend. Wenn Besuch da ist, kann sie sich dazusetzen. Dadurch kommt keine unangenehme Stille auf, und sie kann den Besuchern dabei helfen, eine andere Beziehung zu ihren Verwandten zu gestalten.

Impulse setzen

Wie viel die Bewohner in der letzten Phase der Demenz wahrnehmen können, ist nicht bekannt. Klar ist: Die kognitiven Fähigkeiten gehen in einem schleichenden Prozess verloren. Deswegen versucht man in Rupprechtstegen, den Menschen mit Demenz anders zu begegnen, ihre Sinne anzusprechen und ihnen Impulse zu geben. So ist der Raum freundlich und mit kontrastreichen Farben eingerichtet. Besonders wichtig für das Pflegekonzept sind die individuellen und persönlichen Vorlieben, die aus der Biografie der Bewohner bekannt sind. Eine Bewohnerin zum Beispiel hat früher im Kirchenchor gesungen. Sie reagiere am stärksten, wenn Chorlieder vorgespielt werden. Wenn der Therapiehund einer Pflegekraft das Pflegerefugium besuche, wirke sich das am positivsten auf die Bewohnerin aus, die früher selbst einen Hund hatte. „Dann strahlt das Gesicht und es wird gestreichelt“, freut sich Ruth Liedel, eine weitere Pflegende im Refugium.

Zeichen des Wandels

„Diese neue Versorgungsform bewirkt einen Paradigmenwechsel in der Altenpflege“, sagt die Diplom-Psychogerontologin Distler. Auch der Zustand der Bettlägerigkeit müsse in der Schwerstpflege diskutiert werden. Im Pflegerefugium sorgen die „Vis-a-Vis-Betten“ von Völker dafür, dass Patienten, die normalerweise liegen müssten, eine sitzende Position einnehmen können. Die speziellen Pflegebetten bestehen aus zwei Teilen und können so verstellt werden, dass die Bewohner mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Einerseits werden Kreislauf, Verdauung und Muskulatur gestärkt. Andererseits hat es einen psychologischen Effekt, wenn Pflegende und Bewohner sich auf Augenhöhe begegnen. „Das verändert die Menschen vollkommen. Sie sind dann viel offener“, erläutert Spiegler.

„Es wird oft diskutiert, wie man schwerstpflegebedürftigen Menschen Würde geben kann. Eigentlich ist es ganz einfach, wenn jemand aufrecht sitzt, hat er schon ganz viel Würde.“

Sabine Distler

Helden des Alltags

Im Zuge des demografischen Wandels wird es in Zukunft einerseits immer mehr pflegebedürftige Menschen geben und andererseits zu wenige Pflegekräfte. Eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung prognostiziert für 2030 eine Versorgungslücke von 500.000 Vollzeitkräften in der Pflege. Und auch die Heimleiterin und die Pflegedienstleiterin von Rupprechtstegen sind sich sicher, dass die Altenpflege langfristig ein Problem haben wird. Das Senioren- und Pflegezentrum selbst hat derzeit eine ausgewogene Altersstruktur in der Belegschaft. Durch die ländliche Gegend und den allgemeinen Fachkräftemangel hat sich jedoch auch die Personalakquise für Rupprechtstegen verändert. Manche Wohlfahrtsverbände wird es laut Distler schon bald schwer treffen, denn dort gingen in circa fünf Jahren beinahe alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gleichzeitig in Rente.
Unter den Auszubildenden in Rupprechtstegen ist nur ein Schüler zwischen 16 und 25 Jahre alt. Der Altersdurchschnitt in der Klasse, die im vergangenen Jahr ihre Ausbildung in Rupprechtstegen begonnen hat, liegt bei 30 Jahren. Distler und Schorr sind sich einig: Der Status des Pflegeberufs in der Gesellschaft muss sich ändern. In der Pflicht sehen sie vor allem Politik und Medien. Der Beruf der Altenpflege müsse attraktiver dargestellt werden, schließlich sei er einer der am besten bezahlten Ausbildungsberufe. In den Medien werde nur berichtet, wenn es wieder einen negativen Vorfall gegeben habe. „Ich sag’ es jetzt mal pathetisch: Es muss wieder ein bisschen Heldenmut und Wertschätzung für Menschen in Gesundheitsberufen entstehen. Denn sie halten die Gesellschaft zusammen!“, sagt Distler. jm

Senioren-und Pflegezentrum Rupprechtstegen

Das Senioren-und Pflegezentrum Rupprechtstegen ist ein Kreditkunde der Triodos Bank. Wir finanzieren den Kauf des Gebäudes, das das Zentrum beherbergt.

Was denken Sie über "Ein Refugium für Pflegebedürftige"?

Bitte hinterlassen Sie einen Kommentar

Bitte tragen Sie Ihren Namen ein