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interview

“Es ist Zeit, das Bankwesen für immer zu verändern”

Lehren aus der Finanzkrise

Lehren aus der Finanzkrise

Bevis Watts, Geschäftsleiter der Triodos Bank in Großbritannien, erläutert, warum das Bankensystem mehr Transparenz braucht und warum seine Rolle in der heutigen Gesellschaft neu zu interpretieren ist.

Gut zehn Jahre ist es her, dass im Spätsommer 2008 die US-Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz anmelden musste und damit die Finanzkrise auf ihren Höhepunkt zusteuerte. Zehn Jahre danach ringt die Finanzwelt – und nicht nur die – weiter mit den Folgen der Krise. Bevis Watts, Geschäftsleiter der Triodos Bank Großbritannien, analysiert die Probleme und Herausforderungen der Finanzbranche zehn Jahre nach der Krise.

Bevis, vor zehn Jahren ging die US-Investmentbank Lehman Brothers pleite und löste die globale Finanzkrise aus. Worin besteht das größte Problem mit dem heutigen Bankensystem?

Für mich ist der Mangel an Vertrauen ein großes Problem. Das Verhältnis der Öffentlichkeit und der kleinen Unternehmen zu den Banken ist nach wie vor von tiefem Misstrauen geprägt. Obwohl es einige begrüßenswerte Änderungen zur besseren Regulierung der Banken gegeben hat, haben wir uns immer noch nicht grundlegend mit der Rolle befasst, die sie im Hinblick auf den von ihnen geschaffenen gesellschaftlichen Wert und die Berücksichtigung der langfristigen Interessen ihrer Kunden spielen sollten.


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Einige der Kernprobleme der Finanzkrise wie die exzessive Bonuskultur – und die durch sie geförderten Verhaltensweisen und Vergehen – sind bis heute nicht gelöst.
Wir müssen eine Debatte darüber eröffnen, ob die Banken wirklich den Interessen der Gesellschaft dienen und langfristig handeln. Wir müssen uns auch fragen, was dazu beitragen würde, dieses Vertrauen wieder aufzubauen. Banken, die einen transparenteren Umgang mit dem von ihnen gehaltenen Geld pflegen, wären ein großer Schritt in die richtige Richtung.

Glaubst du, dass sich seit 2008 im Bankensektor genug verändert hat?

Nein, das glaube ich nicht. Der Wandel ging viel zu langsam voran, er reicht nicht weit genug, und es muss noch viel mehr getan werden. Und ich bin mit dieser Ansicht nicht allein. Nach unserer jüngsten Verbraucherumfrage sind zwei Drittel (60 %) der Briten der Meinung, dass sich seit 2008 nicht genug verändert hat. Der gleiche Anteil der Befragten sieht die Entwicklung der nächsten 10 Jahre im Bankensektor und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft mit Sorge. Nur ein Viertel der Menschen vertraut den Banken heute mehr als 2008.

Wenn du für die Reform des Bankensektors zuständig wärst, was würdest du als erstes tun?

Bevis Watts ist Geschäftsleiter der Triodos Bank UK

Bevis Watts ist Geschäftsleiter der Triodos Bank UK.

Von allen Banken mehr Transparenz in Bezug auf ihre Geldgeschäfte einfordern. Alle Banken sollten verbindlich veröffentlichen müssen, wohin das von ihnen kontrollierte Geld verliehen und investiert wird. Nur durch völlige Transparenz lässt sich Vertrauen zurückgewinnen. Bei Triodos veröffentlichen wir Details zu jedem einzelnen von uns vergebenen Kredit im Internet und es gibt absolut keinen Grund, warum nicht alle Banken dasselbe tun könnten.

Geld muss nicht in den Waffenhandel, fossile Brennstoffe und andere Aktivitäten investiert werden, die keine positiven Auswirkungen haben – es kann zum Aufbau der Gesellschaft, in der wir leben wollen, verwendet werden.

Ist es wirklich Aufgabe der Banken, soziale und ökologische Probleme zu bekämpfen?

Ja. Ich glaube, dass die Veränderung unseres bestehenden Bankensystems nach wie vor unsere beste Chance ist, die drängendsten Probleme anzugehen, mit denen die Menschen, der Planet und die Gesellschaft heute konfrontiert sind.

Mit dem richtigen politischen Willen sind die Banken in der einzigartigen Lage, den Übergang zu einer wirklich nachhaltigen Wirtschaft zu in die Wege zu leiten. Internationale Gremien wie die EU, die G20 und die UNO denken ernsthaft darüber nach, wie wir das Finanzsystem umgestalten können, um es an die langfristigen Interessen der Bürger anzupassen.

“Alle Banken sollten verbindlich veröffentlichen müssen, wohin das von ihnen kontrollierte Geld verliehen und investiert wird.”

Bevis Watts

Vergessen wir nicht, dass es eine Umweltkatastrophe war, die zuerst die tiefen Risse im Bankensektor offenbarte. Im Jahr 2005 verwüstete der Hurrikan Katrina die Golfküste mit verheerenden Folgen. Mit einem Sachschaden von mehr als 100 Milliarden Dollar hat Katrina die Mängel des Subprime-Hypothekenmarkts offengelegt, die in der Folge zur Pleite einiger Banken und zur Beinahe-Pleite vieler anderer führte. Die Dürren und Verwüstungen, die in diesem Sommer durch rekordverdächtige Hitzewellen verursacht wurden, nehmen die Auswirkungen vorweg, die der Klimawandel auf unsere Weltwirtschaft haben könnte. Darüber hinaus sehen wir uns mit wachsenden Problemen auf dem Wohnungsmarkt und im Sozialwesen konfrontiert, die zu Obdachlosigkeit und zunehmender Wohlstandsungleichheit im Vereinigten Königreich und anderswo führen.

Banken könnten bei der Unterstützung des Übergangs zu einer grüneren, gerechteren und nachhaltigeren Wirtschaft eine sehr aktive Rolle spielen. Das Erreichen global vereinbarter Klimaziele, die sich an den Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung orientieren, liegt eindeutig im langfristigen Interesse aller.

Welchen Rat würdest du als Geschäftsführer einer nachhaltigen Bank anderen Führungskräften im Bankensektor geben?

Ich lade Führungskräfte des Bankensektors ein, Nachhaltigkeit als zentrale Wertschöpfungschance neu zu gestalten. Es besteht die Gefahr, dass die Nachhaltigkeit an bestehende Geschäftsmodelle angelehnt wird, die zu eng auf die Maximierung der finanziellen Ergebnisse ausgerichtet sind, anstatt in neue Geschäftsmodelle mit einer ganzheitlichen Sichtweise eingebaut zu werden.

Im vergangenen Jahr hat Triodos gemeinsam mit der Global Alliance for Banking on Values (GABV), Mission 2020 und Finance Watch ein White Paper veröffentlicht. Es trägt den Titel „New Pathways: Building blocks for a sustainable finance future for Europe“. Es enthält mehrere Empfehlungen, unter anderem, dass die Banken melden sollten, inwieweit ihr Handeln im Einklang mit den Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung steht (SDGs). Es fordert eine größere Vielfalt des Systems und die Anpassung der bestehenden Regulierungsinstrumente an die ökologischen und gesellschaftlichen Risiken. Es spricht sich auch für Schulungen und Kompetenzzentren aus, die die Banken bei diesem Veränderungsprozess unterstützen sollen.

Ich glaube, wir müssen die Rolle aller Banken in unserer Gesellschaft ganz neu definieren, was die Veröffentlichung aller ihrer Kredite und Investitionen einschließt. Dies würde einen wirklich freien Markt mit Wahlmöglichkeiten für den Kunden schaffen. Triodos setzt sich vehement für Nachhaltigkeit ein, dient Einzelpersonen und Gemeinschaften gleichermaßen und fördert gleichzeitig das Nachhaltigkeitsprinzip in der Gesellschaft. Wir tun dies, indem wir nur Organisationen finanzieren, die positiven Einfluss haben.

Unsere Geschäftszahlen belegen, dass das Geschäftsmodell funktioniert. Während viele der Banken, die im Jahr 2008 mit öffentlichen Geldern unterstützt wurden, immer noch nicht in die Gewinnzone zurückgekehrt sind – und viele Fintechs und Challenger-Banken noch kein nachhaltiges Geschäftsmodell vorweisen können – hat sich unsere Bilanz in den letzten 10 Jahren kontinuierlich verbessert und wir haben den Aktionären eine konstante Rendite geboten.

Kannst du uns eine Maßnahme nennen, die jeder von uns heute ergreifen kann, um eine positive Veränderung herbeizuführen?

Es gab einen sehr bewegenden Moment während unserer Jahreshauptversammlung Anfang des Jahres, als nach meinem Vortrag vor rund 600 versammelten Kunden und Unterstützern die Fragerunde eröffnet wurde. Ein junger Mann stand gegen Ende auf und beglückwünschte uns zu unseren Bemühungen. Er sagte aber auch, dass viele Fragen uns als Bank zum Handeln zwängen. Stattdessen fragte er: Was können wir als Kunden von Triodos tun, um Ihnen zu helfen?

Es wurde deutlich, dass wir alle als Gemeinschaft auf die Umsetzung einer gemeinsamen Vision hinarbeiteten. Das war enorm erfüllend. Und ich sehe unser Netzwerk von Kunden und Partnern wirklich als eine Gemeinschaft, die zusammenarbeitet, um positive Veränderungen zu bewirken.

Titelfoto: Samson Creative. via Unsplash

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