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Einblick

Euro-Krise: Deutschland ist Teil des Problems

Ingo Leipner über die unangenehme Wahrheit über die Euro-Krise

Ingo Leipner über die unangenehme Wahrheit über die Euro-Krise

„Die spinnen, die Griechen“ – „Keine Gnade für Bummler“ – „Kanzlerin, stoppen Sie die Abzock-Griechen“- mit diesen Überschriften macht sich BILD seit Jahren zum Steigbügelhalter. Das Blatt hilft so seinen Lesern, aufs hohe Ross zu klettern. Die gnadenlosen Parolen werden zur Peitsche, um die „bösen Griechen“ vor sich herzujagen … zumindest im Gespräch am Stammtisch, leider auch in den Kommentaren vieler Medien. Das simple Rezept: Der nationale Selbstwert lässt sich prima stabilisieren, wenn wir auf andere Menschen hinabblicken – aus einer gefühlten moralischen Überlegenheit. Der deutsche „Herrenreiter“ ist wieder unterwegs …

Dazu besteht jedoch kein Anlass, im Gegenteil: Deutschland ist genauso wie Griechenland ein Teil des Problems, das die Medien „Euro-Krise“ nennen. Uns geht es aber besser, wenn wir einfach unsere Verantwortung ausblenden – und dafür das hohe Ross besteigen.

Starker Tobak? Aber ja, und er lässt sich eindrucksvoll belegen, wenn wir die Scheinwerfer auf die deutsche Wirtschaftspolitik der letzten Jahre richten: Am 01. Januar 2002 wachen 320 Millionen Menschen auf – und haben über Nacht den Euro im Geldbeutel. Ein Währungsgebiet, ein Zinsniveau, keine Wechselkurse mehr. Das sind scheinbar beste Bedingungen, damit die europäische Wirtschaft aufblüht.

Die Reallöhne brachen um neun Prozent ein.

Und ein weiterer Faktor kommt hinzu: Deutschland baut gleichzeitig seinen Niedriglohnsektor aus. 1995 arbeiten laut „Hans Böckler Stiftung“ 4,4 Millionen Beschäftigte für einen geringen Lohn, 2007 sind es 6,5 Millionen Menschen. Auch die übrigen Bruttolöhne- und Gehälter steigen zwischen 2002 und 2008 im Durchschnitt um 15 Prozent, während sie in den anderen europäischen Staaten um 32 Prozent zulegen. 15 Prozent in Deutschland – das klingt akzeptabel. Aber das waren nur die Nominallöhne! Wer die Inflation herausrechnet, kommt zu dem Ergebnis: Die Reallöhne brachen um neun Prozent ein, ein kräftiger Verlust an Kaufkraft.

Diese Entwicklung schwächt zwar die Binnennachfrage, wird aber zum Turbo der Exportwirtschaft. Ihre Wettbewerbsposition verbessert sich erheblich, zumal die Inflationsrate in Deutschland weitgehend geringer ausfällt, als es die „Europäische Zentralbank“ (EZB) vorsieht. Ihr Zielwert liegt bei zwei Prozent, die Teuerung in Deutschland erreicht in dieser Zeit oft niedrigere Werte.

Das alles schlägt sich im zentralen Indikator für die internationale Wettbewerbsfähigkeit nieder: den Lohnstückkosten. Sie beschreiben den Anteil der Löhne und Gehälter an den Kosten eines Gutes, das produziert wird. Entscheidend ist nämlich diese Relation – und nicht die absolute Höhe der Lohnkosten. Je effizienter der Herstellungsprozess abläuft, desto größer ist die Wertschöpfung, für die ein Unternehmen seine Arbeitskräfte bezahlt. Sinkt zusätzlich deren Reallohn und wächst der Niedriglohnsektor, verbessert sich die Wettbewerbsposition weiter – und deutsche Unternehmen sind in der Lage, hochwertige Produkte zu attraktiven Preisen auf den Markt zu bringen. Konkret bedeutet das für die Zeit vor der Weltfinanzkrise: Die deutschen Lohnstückkosten sinken um rund zehn Prozent, während zum Beispiel derselbe Wert für Spanien um über 20 Prozent wächst.

Deutscher Erfindergeist, deutscher Fleiß, deutsche Bescheidenheit – auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte, die sich an stark wachsenden Überschüssen in unserer Handelsbilanz ablesen lässt:

Tabelle Handelsbilanz-Deutschland

 

 

 

 

 

„Deutschland – ein Wirtschaftsmärchen“: An dieser Stelle endet in der Regel die Erzählung, um in Verachtung für andere umzukippen. Originalton BILD: „Alle Griechen halten es für selbstverständlich, dass die hart arbeitenden deutschen Steuerzahler noch mehr Geld für sie bereitstellen.“ Und am 26.02.2015 folgt die Schlagzeile: „Nein! Keine weiteren Milliarden für die gierigen Griechen!“. Die Rollenverteilung ist klar: Da die edlen Deutschen, dort die faulen Griechen …

Der Mythos der „edlen Deutschen“ löst sich schnell in Luft auf.

Doch die Ökonomen Heiner Flassbeck und Friedericke Spiecker gießen Wasser in den selbstgerechten Apfelmost: Zum märchenhaften Erfolg deutscher Exporte fällt ihnen das üble Wort „Lohndumping“ ein, weil unsere Wirtschaft ihre Stärke nur gewonnen hat, weil breite Schichten der Bevölkerung zu bluten hatten. Und das trotz hocheffizienter Wertschöpfungsprozesse in Deutschland, die eine gerechtere Verteilung der Gewinne möglich gemacht hätten. Die Ökonomen schreiben in ihrem Beitrag „Lohnpolitische Konvergenz und Solidarität oder offener Bruch“:

„Grund für die binnenwirtschaftliche Schwäche und die außenwirtschaftlichen Erfolge war die durch Lohndumping erzielte permanente Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, die sich in einem weit unterdurchschnittlichen gesamtwirtschaftlichen Lohnstückkosten-wachstum Deutschlands im Vergleich zu allen anderen EWU-Ländern niederschlug.“

So sieht die Wirklichkeit aus, und der Mythos der „edlen Deutschen“ löst sich schnell in Luft auf. Wir müssen nur die Logik einer Handelsbilanz verstehen: Wenn Deutschland dauerhaft Überschüsse erwirtschaftet, treten zwangsläufig Defizite bei den Handelspartnern auf. Dazu ein einfache Rechnung: Deutschland exportiert in ein anderes Land Waren im Wert von 100 Mrd. Euro. Gleichzeitig liegen die Importe aus diesem Land bei 80 Mrd. Euro. Gut für Deutschland: Wir werden um 20 Mrd. Euro reicher! Und das andere Land? Aus seiner Sicht entsteht ein Handelsbilanzdefizit, weil es mehr in Deutschland gekauft hat, als es selbst dorthin liefern konnte. Höhe des Defizits: 20 Mrd. Euro.

Wie wird diese finanzielle Lücke geschlossen? Ganz einfach: Das andere Land nimmt im Ausland Kredite auf, um das Defizit zu finanzieren. Ein ganz normaler Vorgang, der im internationalen Handel ständig zu beobachten ist?

Was passiert aber, wenn dieses Ungleichgewicht ein chronischer Zustand wird? Dann verschuldet sich der schwächere Handelspartner immer mehr, während das exportstarke Land eine Gläubigerposition aufbaut. Genau das ist im Verhältnis zwischen Deutschland und Südeuropa geschehen: Wie „Morgan Stanley“ berechnet hat, erhöhte sich das Engagement deutscher Banken in Südeuropa von knapp 100 Mrd. Euro (2000) auf fast 350 Mrd. Euro (2008/9).

Aus deutscher Perspektive ein perfektes Geschäft: Wir exportieren gewaltige Gütermengen in den Süden Europas – und unsere Banken finanzieren die Geschäfte durch Kredite, die sie den Handelspartnern geben. Das geschieht in einem ständig wachsenden Umfang, unterm Strich ein doppelter Gewinn: Die deutsche Volkswirtschaft verdient am Verkauf der Waren und an den Zinsen, die von den Käufern aufzubringen sind. Das Wörtchen „wir“ ist natürlich an dieser Stelle fragwürdig, weil die genannten Gewinne nur in die Taschen weniger Menschen fließen. Sonst würde sich in „unserem“ Land die Schere zwischen Reich und Arm nicht weiter öffnen.

Ganz klar: Deutschland ist Teil des Problems.

Doch die Geschichte des doppelten Profits wird selten erzählt, weil sie die dunkle Seite der Exporterfolge aufdeckt. Flassbeck und Spiecker bringen die Verantwortung Deutschlands so auf den Punkt:

„Wenn der Gläubiger Deutschland die Rückzahlungsfähigkeit seiner Schuldner in Frankreich und Südeuropa systematisch untergräbt, indem er ihre relative Wettbewerbsposition durch Lohndumping permanent verschlechtert, wird er damit leben müssen, auf faulen Krediten sitzen zu bleiben und den Schuldnern durch Stundung, verbesserte Zinskonditionen oder gar Schuldenerlass entgegen zu kommen, will er keinen Totalausfall seiner Vermögensansprüche riskieren.“

Halten wir also fest: Wer als Exportnation dauerhaft Überschüsse in der Handelsbilanz zementiert, schadet dem internationalen Wirtschaftssystem genauso wie ein Land, das mehr importiert, als es seine Leistungsfähigkeit zulässt. So findet sich im „Magischen Viereck“ der Wirtschaftspolitik nicht umsonst das Ziel: „außenwirtschaftliches Gleichgewicht“. Denn: Langfristig sollte jede Handelsbilanz um die Nulllinie pendeln, damit sich im internationalen Handel keine zerstörerischen Ungleichgewichte bilden. Dafür muss die Wirtschaftspolitik die Verantwortung übernehmen, egal ob in Staaten mit einem starken oder schwachen Export.

Ganz klar: Deutschland ist Teil des Problems – und das im Moment so beliebte Griechen-Bashing dient als mediales Feuerwerk, um von dieser schmerzhaften Wahrheit abzulenken.

Diesen Beitrag schrieb Ingo Leipner. Der Diplom-Volkswirt Ingo Leipner gründete 2005 die Textagentur EcoWords. Seine Themen: Unternehmenskultur, Ökologie/Ökonomie und Erneuerbare Energie. Texte aus seiner Feder erscheinen u. a. regelmäßig in der  „Frankfurter Rundschau“ und „Berliner Zeitung“ sowie im „forum Nachhaltig Wirtschaften“, der Zeitschrift „energiezukunft“ oder dem Wirtschaftsmagazin „econo“. Zusammen mit Gerald Lembke hat er ein Buch geschrieben: „Zum Frühstück gibt´s Apps. Der tägliche Kampf mit der Digitalen Ambivalenz“, seit Oktober 2014 bei Springer Spektrum.

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