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interview

„Fast Fashion darf nicht die Zukunft sein!“

Ein Gespräch mit Alf-Tobias Zahn über nachhaltige Mode und sein neues Buch

Ein Gespräch mit Alf-Tobias Zahn über nachhaltige Mode und sein neues Buch

Alf-Tobias Zahn hat zusammen mit Kirsten Brodde den Ratgeber „Einfach anziehend“ geschrieben, der erklärt, wie unser Kleiderschrank nachhaltiger werden kann. Wir haben mit Alf über Fast Fashion, Leih-Services für Klamotten und wirklich nachhaltige Labels gesprochen.

Ihr habt den Ratgeber „Einfach Anziehend“ zum Ausstieg aus der Fast Fashion Schleife geschrieben. Was ist Fast Fashion?

Alf: Fast Fashion ist die Befriedigung von Bedürfnissen in unserer Konsumgesellschaft, die wir Konsumenten eigentlich gar nicht haben. Fast Fashion bedeutet 52 neue Kollektionen pro Jahr, also eine neue Kollektion pro Woche, von Global Playern wie h&m, Zara und Primark. Wir sollen kaufen, kaufen, kaufen, auch wenn wir gar kein neues T-Shirt, keine neue Denim und auch keinen neuen Pullover benötigen. Und wenn das gekaufte Kleidungsstück noch nicht einmal getragen wurde oder nach wenigen Wochen schon kaputt ist, stellt das keinerlei Problem dar, da es ja sehr günstig war und schnell wieder ersetzt werden kann. Das ist die Essenz von Fast Fashion – Mode, die keiner braucht, die aber jeder haben soll.

Kannst du Aspekte davon in Zahlen fassen?

Alf: In den Jahren 2000 bis 2016 hat sich die Menge der Textilproduktion weltweit verdoppelt – 2014 durchbrach sie die Schwelle von 100 Milliarden Kleidungsstücken. Doch das ist noch längst nicht das Ende: Die Bekleidungsindustrie erwartet, ihre Produktion bis 2030 noch einmal um 62 Prozent steigern zu können. 2030 wird die Weltbevölkerung dann jedes Jahr unvorstellbare 102 Millionen Tonnen Kleidungsstücke verbrauchen – eine Menge, die 500 Milliarden T-Shirts entspricht. Die Textilindustrie spielt jährlich 1,3 Billionen US-Dollar ein. h&m Chef Karl-Johan Persson und Zara-Gründer Amancio Ortega zählen zu den reichsten Menschen der Welt – mit billiger Mode lässt sich viel verdienen.

Alf-Tobias Zahn, Autor des Buches Einfach Anziehend

Carsharing ist relativ etabliert. Inzwischen gibt es auch für Kleidung Leih-Services. Glaubst du, dass diese sich durchsetzen?

Alf: Leihen bei Kleidung kann funktionieren – in bestimmten Bereichen. So wie auch Carsharing Teilaspekte der Mobilität erleichtert, kann das auch Leih-Kleidung im Bereich des Konsums ermöglichen. Das betrifft aus meiner Sicht zum Beispiel Kleidung für besondere Anlässe: Ein besonderes Kleid für eine Hochzeit, einen Frack für eine Abendveranstaltung – bei T-Shirts und Pullovern kann ich es mir wiederum nicht vorstellen, dass Konsumenten dieses Angebot wirklich nutzen würden. Besonders erfolgreich können die Leih-Services bei Baby- und Kinderkleidung sein. Gerade in den ersten Lebensjahren brauchen Eltern sehr schnell neue Größen für ihr Kind, so dass hier neu kaufen für viele keine Option ist. Leih-Services mit Abonnements für bestimmte Größen, die nach dem Herauswachsen der Kinder wieder eingeschickt werden können, könnten hier eine nachhaltige Alternative sein.

Mehr zum Thema nachhaltiger Konsum: Zero-Waste-Ikone Bea Johnson im Interview

Ist neu kaufen überhaupt sinnvoll?

Alf: Über Sinn oder Unsinn von Konsum lässt sich vortrefflich streiten. Ich möchte die Frage wie folgt beantworten: Neu kaufen ist Teil unserer Konsumgesellschaft und ein Bedürfnis, was jeder und jede von uns nicht nur einmal haben wird. Dafür sorgt bereits die exzellente Platzierung von Werbung, wo auch immer wir uns on- oder offline bewegen. Wir entgehen dem Neuen also kaum. Uns ist wichtig, dass wir diesen neuen Konsum in eine nachhaltige Richtung lenken. Dies heißt nicht, dass es eine Art guten Konsum gibt. Aber es gibt Wege, wie wir durch etwas Neues nicht zwangsläufig Ressourcen in Anspruch nehmen, die unsere Umwelt zerstört oder Menschen zu Sklaven machen, wie es leider in der Modeindustrie immer noch der Fall ist. Wenn wir Neues kaufen, dann sollten es gute Dinge sein, von Labels, die sich nicht nur über den Schnitt und den Stil der Kleidung Gedanken gemacht haben, sondern auch über die Produktion und die Menschen, die dazu benötigt werden, das Kleidungsstück herzustellen.

“Das ist die Essenz von Fast Fashion – Mode, die keiner braucht, die aber jeder haben soll”

Alf-Tobias Zahn

Woran erkenne ich wirklich nachhaltige Labels? Hast du Tipps für nachhaltige Marken?

Alf: Nachhaltige Labels kann man sehr gut an den Zertifikaten und Siegeln erkennen, die zumeist auf der Website ausgegeben werden oder auch auf einem Label eines Kleidungsstücks zu finden sind. Dazu zählt unter anderem Fairtrade für die Auszeichnung, dass das Produkt aus fairem Handel stammt. Dazu zählt auch GOTS, einer der besten Textilstandards für Bio-Baumwolle, sowie weitere wichtige Siegel. Nachhaltige Labels zeichnen sich aber auch dadurch aus, dass sie Mode machen, die sich am Zeitgeist orientieren – so wie die Fast Fashion Konkurrenz, nur eben unter anderen ethischen und moralischen Voraussetzungen. Marken wie FUNKTION SCHNITT aus Köln, Rotholz aus Potsdam oder ekn footwear aus Frankfurt reflektieren diesen Zeitgeist schon sehr gut. Unternehmen wie VEJA mit ihren Sneakern, ARMEDANGELS mit ihren minimalistischen Kollektionen und LANGER CHEN mit außergewöhnlichen Jacken und Mänteln sind für mich die besten Beispiele für moderne Eco Fashion.

Wer ist am Zug, um sozial-ökologisch nachhaltige Mode noch viel weiter zu verbreiten, wir Verbraucher oder die Wirtschaft?

Alf: Der Markt wird doch immer noch durch Angebot und Nachfrage geregelt. Von daher müssen wir beide in die Pflicht nehmen – sowohl die Verbraucher als auch die Wirtschaft. Ich würde mir wünschen, dass wir uns als Konsumenten viel mehr damit auseinandersetzen, was wir jeden Tag auf unserer Haut tragen. So, wie wir es immer häufiger bei unseren Lebensmitteln und bei der Kosmetik, die wir nutzen, machen. Spätestens bei dieser Auseinandersetzung sollte klar sein, dass Fast Fashion – mit schlechten Arbeitsbedingungen, minderer Qualität in der Verarbeitung, gesundheitsgefährdenden Rückständen in der Kleidung und einer richtig miesen Bezahlung – nicht die Zukunft sein darf! Wir müssen es schaffen, dass sich die Wirtschaft ändert, weil sie merken, dass wir ihre Produkte nur noch kaufen, wenn sie fair, sozial und umweltverträglich sind. Dann werden sich auch die Unternehmen bewegen müssen.

Ein Tipp, den jede und jeder von uns sofort umsetzen kann, damit der Kleiderschrank nachhaltiger wird:

Alf: Beim nächsten Blick in den Kleiderschrank und ein klein bisschen Zeit ein Lieblingsstück herausnehmen, dass man schon lange nicht mehr getragen hat, weil es an der ein oder anderen Stelle kaputt ist. Anschließend ein YouTube-Tutorial suchen, um diesen kleinen Fehler auszubessern und im Anschluss wieder mit viel Freude tragen.

Zur Person
Alf-Tobias Zahn

Alf-Tobias Zahn ist Blogger und arbeitet als Berater und Projektleiter bei Studio GOOD Berlin. Seit vielen Jahren schreibt er über die “ominöse Grüne Mode” und stellt in seinem Blog GROSS∆RTIG grüne Schätze mit Substanz und Stil vor. Alf-Tobias ist Teil von #nachhaltige100

Bild von Alf: René Zieger

Interview: Michael Rebmann, Isabella Lessing

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Cebatha vor 4 Monaten

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Katharina Partyka vor 3 Monaten

Hallo, ich bin Inhaberin von zwei Ethical Fashion Shops und würde sogar noch einen Schritt weiter gehen. Es gibt so viel Textilmüll auf der Welt: Schrecklich und absurd finde ich, dass es für die Fast Fashion Branche billiger ist tonnenweise neue Mode zu vernichten, als gleich weniger zu produzieren. Das ist regelrecht pervers, denn die Umwelt wird gleich doppelt ausgebeutet! Ich fände es einen Fortschritt, wenn Billigmode – die ja m Grunde teuer ist wenn man die Umweltkosten einberechnen würde – mit Steuern belastet und nachhaltige Mode (auch Upcycling. Zero Waste etc) von Steuern entlasten würde. Dafür gibt es tolle Konzepte wie die Öko-Mwst-Reform (es gibt auch eine Petition von Frithjof Rittberger dazu). Die Politik sehe ich hier absolut in der Verantwortung.