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neuigkeit

Geld und Freiheit von Schuldbeziehungen

Gedanken über ein neues Geldsystem

Gedanken über ein neues Geldsystem

Daniel Sieben ist Firmenkundenbetreuer bei der Triodos Bank und hat über systemische Nachhaltigkeit promoviert. In seinem Gastbeitrag blickt er auf unser Geldsystem. Welche Veränderungen braucht es für ein neues, für uns Menschen gesünderes System?

Was lässt sich über das liebe Geld sagen? Tolle Konzepte und Ideen gibt es viele, wie ein anderer Umgang mit Geld möglich wäre, der dem Menschen dient. Dieser Grundsatz, dass Geld dem Menschen dient und nicht umgekehrt, entspricht auch dem Anspruch der Vision und Mission der Triodos Bank. Doch in uns Menschen scheint mir das gegenwärtige Geldsystem innerlich verankert zu sein, sonst würde es sich meines Erachtens nicht im Außen als das Geldwesen widerspiegeln, das wir aktuell haben. Darauf möchte ich im Folgenden eingehen. Denn der gewohnheitsmäßige Blick nach außen, insbesondere auf die Politik, hilft meines Erachtens nicht weiter, ignoriert er doch die wissenschaftliche Erkenntnis, dass die Außenwelt nicht so objektiv und real vorhanden ist, wie wir das in unserem Alltagsbewusstsein annehmen. Der starre Blick nach außen führt zur Ablenkung vom Wesentlichen, denn die Musik spielt in uns, hier werden die Ursachen für außen sichtbare Strukturen gesetzt.

Als Mensch, Ökonom und Nachhaltigkeitsbanker habe ich täglich mit Geld zu tun. Beruflich strukturiere und vergebe ich Kredite, wodurch ich zwischen Kreditnehmern, die der Triodos Bank Geld schulden, und der Triodos Bank als Kreditgeber unterteile. Ihren Anlegern schuldet die Triodos Bank wiederum als eigene Verbindlichkeit ihre Kundeneinlagen. Letztendlich ist jede Geschäftsbeziehung mit einer Bank und jede Kaufhandlung eine zweiseitige Schuldbeziehung. Das klingt ernüchternd, aber sieht das privat anders aus? Wenn ich eingeladen werde oder jemanden einlade, kommt häufig sofort das Bedürfnis, sich zu revanchieren und beim nächsten Mal an der Reihe zu sein. Selbst eingeladen zu werden, ohne das Gefühl zu bekommen, nun etwas zu schulden, fällt uns offenbar schwer. Jemandem etwas zu schulden scheint tief in uns verankert zu sein. Das kommt auch bei Trennungen von partnerschaftlichen Beziehungen zum Vorschein, wenn mühsam auseinanderdividiert und ausgerechnet wird, wer wem was und wieviel schuldet. Dann wird die Schuldbeziehung deutlich.

“Selbst eingeladen zu werden, ohne das Gefühl zu bekommen, nun etwas zu schulden, fällt uns offenbar schwer.”

Daniel Sieben

Die Ursachen dafür sehe ich auf drei Ebenen, der Handlungsebene, Beziehungsebene und Seinsebene. Wenn wir in der Ökonomie die Grundannahme treffen, dass wir gegeneinander um knappe Güter konkurrieren, versetzt uns das in Stress bis hin zum Überlebenskampf des „Survival of the Fittest“. Das ist gut auf der Handlungsebene, um eine gewisse wirtschaftliche Leistung zu vollbringen, mit der wir im Überlebenskampf bestehen können und die Wirtschaft wachsen lassen, schädigt jedoch unsere zwischenmenschliche Beziehungsebene zueinander. Diese zwischenmenschliche Beziehungsebene liegt unseren Handlungen in der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Außenwelt zugrunde, d.h. ökonomische Konkurrenzhandlungen und soziale Konkurrenzbeziehungen verstärken sich gegenseitig auf der Handlungs- und Beziehungsebene.

 

Daniel Sieben

Daniel Sieben

Die unsere Existenz bedrohende Kluft und Spaltung zwischen Ökonomie und Ökologie verdeutlicht das gegenwärtige Ausmaß dieses Konfliktes sehr klar. Und das lässt unsere Seinsebene, die unsere Beziehungsebene zu uns selbst ist, nicht kalt, sondern aktiviert Verlustängste und Schuldgefühle. Das auf Schuld und Schulden basierende persönliche und gesellschaftliche Beziehungsgeflecht wird nun wiederum verstärkt, was wir in aktuellen Diskussionen anhand von gegenseitigen Schuldzuweisungen und Vermeidungsstrategien von Verantwortung gut erkennen können, bis hin zur Leugnung der Krise und der sich selbst rechtfertigenden Fortsetzung von krisenverursachenden Routinen und Verhaltensweisen. Dazu gehört auch zu glauben, selbst die Lösung zu wissen und Teil dieser Lösung zu sein, während die „Gegenseite“ das Problem ist. Das trifft sowohl auf die politische Linke, Mitte als auch auf die Rechte zu, worin alle gleich sind und womit das politische System Teil der Krise und des die Krise verursachenden Bewusstseins und Denkens ist.

Ein Alternative dazu ist, wie Greta Thunberg es von uns Erwachsenen einfordert, dass wir die Krise in uns selbst und in unseren Beziehungen wahrnehmen, anerkennen und unsere Krisenlösungskompetenzen aktivieren. Dann können wir tatsächlich einen wirksamen Beitrag leisten und nicht nur konzeptionell in unseren Köpfen, die wir uns in politischen Debatten und Meinungsäußerungen auch noch gegenseitig einschlagen. Um aus den Konkurrenzbeziehungen auszusteigen, ist auf der eigenen Seinsebene eine selbstwirksame Veränderung nötig, die uns aus Verlustängsten, Ohnmachts- und Schuldgefühlen befreit. Diese innere Veränderung ist eine zugleich soziale und ökologische Veränderung, die kooperative und tragfähige Beziehungen auf allen Ebenen ermöglicht.

“Der ideale Mechanik-Mensch ist der homo oeconomicus, ohne Beziehungen zu sich selbst, seinen Mitmenschen und seiner Umwelt.”

Daniel Sieben

Der Weg ist eine Wiederentdeckung, was es heißt, ein Mensch und Lebewesen zu sein, keine Maschine, kein funktionierendes Rädchen in einem mechanischen System, das wir unserem mechanischen Welt- und Menschenbild verdanken. Der ideale Mechanik-Mensch ist der homo oeconomicus, ohne Beziehungen zu sich selbst, seinen Mitmenschen und seiner Umwelt. Auf den drei Ebenen des Seins, der Beziehungen und der Handlungen wird der eigene Vorteil auf Kosten anderer wirtschaftlich belohnt, so dass wir uns durch Anreize genau so verhalten und zu dem werden, was uns das Ideal vorgibt.


Mehr zum Thema: Daniel Siebens Beitrag über systemische Nachhaltigkeit


Wir sind als Menschen aber Lebewesen, die aus Beziehungen zu sich selbst, unseren Mitmenschen und unserer Umwelt bestehen. Diese Beziehungen abzuschneiden, muss nicht nur gegenwärtiges und zukünftiges Leid verursachen, sondern geht auch aus vergangenem Leiden und Verletzungen hervor. Um diese nicht mehr zu spüren, haben wir uns von unseren Beziehungen abgeschnitten und dies gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch über einen Rückzug in den Kopf als rational und vernünftig gerechtfertigt. Das genau ist die Krise in uns und wir haben alle Fähigkeiten, Gaben und Kompetenzen, hieran zu wachsen und uns hieraus zu entwickeln. Und das ist für mich die Lösung: Keine alten und neuen Forderungen an die Politik stellen, sondern die sich selbst und uns gegenseitig aus der Krise der Beziehungslosigkeit befreiende Förderung des Menschseins entwickeln. Deshalb habe ich die Initiative „Meditating for Climate“ ins Leben gerufen, um sich gemeinsam in dieser Entwicklung zu fördern und zu tragen. Jeden Freitagmittag um 12:15 Uhr meditieren wir in der Taunusanlage Frankfurt, mitten im Bankenviertel, während häufig der Demonstrationszug Schülerinnen und Schüler für „Fridays for Future“ an der Alten Oper direkt in der Nähe vorüberzieht.

Wenn wir ins uns Beziehungen spüren, die die bestehenden Gegensätze tragen und ertragen können, dann entstehen neue Verbindungen und Beziehungen. Und wenn damit einhergehend Kooperation statt Konkurrenz das neue Beziehungsmuster zwischen uns Menschen wird, werden wir auch das Geben und Annehmen von Geschenken genießen und das dazu passende Geldsystem ohne gegenseitige Aufrechnung von Schulden und Verschuldung haben. Das mag für einige in ihren Köpfen nach einer Utopie klingen, ist aber meines Erachtens viel realer und nachhaltiger als die Utopie, so weiter zu machen wie bisher und auf äußere Veränderungen zu hoffen.

Text: Daniel Sieben

Titelbild: Unsplash

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