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neuigkeit

“In der Coronakrise liegt auch eine unglaubliche Chance”

Jetzt ist der Zeitpunkt, das Grundeinkommen zu testen

Jetzt ist der Zeitpunkt, das Grundeinkommen zu testen

Die Coronakrise macht deutlich: Unser Gesellschaftsvertrag ist nicht krisenfest. Warum testen wir jetzt nicht ein Grundeinkommen, das Existenzangst durch Sicherheit ersetzt? Ein Gastbeitrag von Michael Bohmeyer, Initiator von Mein Grundeinkommen.

“Will dann noch jemand arbeiten gehen?” ist die häufigste Frage, die mir Menschen zum Grundeinkommen stellen. Normalerweise. Seit ein paar Tagen steht eine ganz andere Frage im Raum: “Was, wenn niemand mehr arbeiten gehen kann?”

In den kommenden Wochen werden Unternehmen in die Coronakrise rutschen. Sie werden Angestellte entlassen müssen, Kurzarbeit anordnen oder in die Pleite schlittern. Selbstständige werden ohne Aufträge dastehen, freie Kulturschaffende ohne Auftritte. Die Existenzangst ist überall spürbar.

Die Krisen häufen sich

Wer kein Geld mehr hat, kann nicht konsumieren. Darunter wird die Konjunktur leiden, noch mehr Jobs drohen dann gestrichen zu werden. Weniger Jobs heißt weniger Einkommensteuer – die Haupteinnahmequelle des Staates. Wovon zahlt er dann seine Sozialleistungen?

Unsere Wirtschaft, in der alles auf Wertschöpfung durch Erwerbsarbeit optimiert ist, ist ein gut funktionierendes System – in Zeiten des Wachstums. Kommt die Krise, wird es fragil. Und die Krisen häufen sich: Klimawandel, Handelskriege, Epidemien – und die Digitalisierung, die grundsätzlich in Frage stellt, wie viel menschliche Arbeit es überhaupt noch braucht.


Die Triodos Bank Deutschland unterstützt ein Bedingungsloses Grundeinkommen als Antwort auf die Coronakrise


Wir sollten unseren Gesellschaftsvertrag jetzt krisenfest machen. Der Erhalt unseres Wohlstands darf nicht mehr davon abhängen, ob wir acht Stunden am Tag in einem Büro sitzen können.

41 Prozent der Deutschen haben kein Vermögen. Wer von ihnen freiberuflich arbeitet, steht durch die Coronakrise binnen weniger Wochen vor Hartz IV. Wer in Kurzarbeit geschickt wird oder zur Kinderbetreuung unbezahlten Urlaub nehmen muss, wird sich verschulden. Beides führt neben der persönlichen Demütigung auch unweigerlich zu sinkender Kaufkraft und zerstörter Produktivität.

Die Krisen-Resilienz im Kopf steigern

Aber wie durchbricht man diese Spirale? Hätten wir alle in diesem Moment ein Bedingungsloses Grundeinkommen, könnten wir vermutlich die zwangsweise freie Zeit nicht nur als Bedrohung sehen, sondern auch als unglaubliche Chance: Etwas neues zu lernen, Kraft zu tanken, uns neu zu orientieren – oder anderen Menschen zu helfen, besser durch die Krise zu kommen.

Stattdessen verschwenden wir diese für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft so wichtige Ressource – weil wir es uns unnötig kompliziert machen, unseren Lebensunterhalt zu erhalten. Wundert es da irgend jemanden, dass die Idee des Grundeinkommens im Angesicht dieser Krise gerade so viele neue Fürsprecher*innen findet?

Wer jetzt einwirft, dass ein Grundeinkommen ungerecht sei, weil es alle unabhängig von ihrer Bedürftigkeit bekämen, hat das Grundeinkommensmodell noch

Michael Bohmeyer Mein Grundeinkommen. Bildnachweis: Christian Stollwerk Mein Grundeinkommen.

nicht verstanden: Wer es nicht braucht, weil sie*er trotz Krise viel verdient, würde es durch höhere Steuern wieder abgezogen bekommen.

Das Grundeinkommen ist nicht, wie oft behauptet, „zusätzliches Geld fürs Nichtstun“, sondern im Prinzip dasselbe wie der Einkommenssteuerfreibetrag. Nur, dass es erstmal jeder und jedem ausgezahlt wird. Damit spart es nicht nur Bürokratie, sondern macht vor allem den Kopf frei – was könnte wichtiger sein, gerade jetzt, wo sich die Ereignisse jeden Tag überschlagen?

Das Grundeinkommen ersetzt Existenzangst durch Sicherheit. Der irrationale Überlebensmodus, in den wir in der Krise umschalten ohne es zu merken, weicht vorausschauender Umsicht. Solidarisches Verhalten statt Hamsterkäufe. Dieses Muster konnten wir bei so vielen der über 500 Menschen beobachten, mit denen wir das Grundeinkommen ausprobiert haben.

Ein Grundeinkommen löst nicht nur individuelle Krisen – es könnte auch die Wirtschaftskrise nach der Viruskrise abmildern. Es würde die Einkommen stabilisieren. Es würde Arbeitsplätze sichern. Wenn eine Hälfte des Gesamteinkommens von Arbeitnehmer*innen aus Lohnzahlungen käme und die andere Hälfte als Grundeinkommen von der Gemeinschaft bezahlt würde, hätten Arbeitgeber*innen geringere Lohnkosten.

Dauerhafte Sicherheit statt Notfall-Programme

In wirtschaftlich prosperierenden Zeiten würden Arbeitgeber*innen das Grundeinkommen über höhere Steuern indirekt mitbezahlen. Wenn sie aber, wie sich für die kommenden Wochen und Monate abzeichnet, Verluste machen und weniger Steuern zahlen, dann springt der Staat ein. Genau so, wie er es jetzt ohnehin tun will – nur eben dauerhaft. Ohne Bürokratie, ohne komplizierte Notfallprogramme.

Zum Autor
Michael Bohmeyer

Michael Bohmeyer, geboren 1984 in Rüdersdorf/Brandenburg, ist Initiator des Vereins “Mein Grundeinkommen”. Mit 16 gründete er sein erstes Start-Up, mit Ende 20 hatte er ein erfolgreiches IT-Unternehmen. Die Beteiligung daran ermöglichte ihm eine Art “Grundeinkommen”, das sein Leben veränderte. Um herauszufinden, ob das auf alle Menschen diese Wirkung hat, verloste er 2014 das erste bedingungslose Grundeinkommen, das vorab per Crowdfunding gesammelt wurde. Inzwischen arbeiten 35 Mitarbeiter*innen für das gemeinnützige Start-Up, das jeden Monat mehrere Grundeinkommen verlost. Über 1,5 Millionen Menschen unterstützen den Verein, darunter 125.000 Groß- und Kleinstspender*innen. Über 500 bedingungslose Grundeinkommen von 1000 Euro pro Monat für ein Jahr wurden bereits vergeben. Über ihre bisherigen Erfahrungen aus der Praxis berichten Michael Bohmeyer und Claudia Cornelsen in ihrem Spiegel-Bestseller “Was würdest du tun? Wie uns das bedingungslose Grundeinkommen verändert”, 2019 erschienen im Econ-Verlag.

Ich bin Realist. Natürlich wird ein Bedingungsloses Grundeinkommen für alle nicht von heute auf morgen eingeführt. Aber die Coronakrise bietet uns jetzt die Chance, es einfach mal auszuprobieren. Vorübergehend. Um Erfahrungen, Daten und Wissen über das Grundeinkommen in der Praxis zu sammeln.

Wir werden in den kommenden Wochen zwangsweise neue Formen von Zusammenleben und Arbeit ausprobieren müssen. Home Office, verkürzte Arbeitszeiten, flexible, familienfreundliche Arbeitsmodelle und eine allgemeine Entschleunigung, die sich schon jetzt ökologisch positiv auswirkt.

Warum probieren wir nicht gleich auch einen neuen Gesellschaftsvertrag aus? Testen wir das Bedingungslose Grundeinkommen. Jetzt.

Text: Michael Bohmeyer

Foto: Christian Stollwerk Mein Grundeinkommen

Titelbild: unsplash

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Nicht hamstern, sondern essen gehen – kleine Unternehmen stärken vor 4 Monaten

[…] von der Triodos Bank Deutschland unterstützen die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens – wann, wenn nicht jetzt. Es würde unbürokratisch und wirklichen allen Menschen helfen, die […]

Marco Griebler vor 3 Monaten

Sehr geehrte Damen und Herren,

das ist definitiv richtig! Aus meiner Perspektive ist es aber erstens wichtig, diese Chance unbedingt zu ergreifen und zweitens ist es ebenso wichtig, dass die Weichen in die richtige Richtung gestellt werden.

Aus meiner Perspektive scheint der Ansatz der sog. “Sozialen Dreigliederung” der anthroposophischen Bewegung vielsversprechend. Das Grundeinkommen zielt allerdings nur teilweise in eine ähnliche Richtung durch Überwindung von Lohnarbeit.

Die “Soziale Dreigliederung” geht noch weiter und ist im tiefsten Sinne auf eine organische Gliederung des sozialen Oragnismus ausgerichtet. Dieser setzt sich hier aus den folgenden drei Teilen zusammen: Wirtschaft, Rechtsleben, Geistesleben. Alle drei Teile agieren autonom, jedoch gleichzeitig kooperativ. Dabei wird dem Wirtschaftsleben das Attribut der Brüderlichkeit (nicht der Freiheit wie im liberalen Wirtschaftssystem), dem Rechtsleben jenes der Gleichheit und dem Geistesleben das der Freiheit zugesprochen.

Es gibt in Deutschland von der “Akademie Zukunft Mensch” und deren Inititiative “Kraftwerk Mensch” Bestrebungen der Etablierung. Möglicherweise bestehen ja Möglichkeiten mit den Unternehmern zu kooperieren, welche bei dieser Inititative aktiv sind und werden.

Mit freundlichem Gruß
Marco Griebler

Uta Siefert vor 3 Monaten

ja, natürlich… hoffentlich kommt das auch bei unseren Politikern an. Es gibt sooooo viele Wissenschaftler, die diese Krise jetzt als Chance sehen… Warum folgen wir diesen Ideen nicht.

S.M. vor 3 Monaten

Bitte zum Thema unbedingt einmal https://makroskop.eu/2020/04/unterstuetzung-in-der-corona-krise-warum-kein-bedingungsloses-grundeinkommen/ lesen (und auch die dort verlinkten Artikel, die anderen Artikel der Autorin, das Buch der Autorin zum Thema…). Da hat sich eine Volkswirtin, deren Wertekanon mit dem Triodos Bank großflächig überlappt, wirklich mit dem Bedingungslosen Grundeinkommen beschäftigt — und rät stark ab. Ich erwarte nicht, dass sich der unternehmerische Autor hier noch vom Gegenteil überzeugen lässt. Doch von einer Bank erwarte ich makroökonomische Kompetenz!

Martina Wiedl vor 3 Monaten

Unbedingt! Kein Problem ohne Lösung, d.h. mit Eintritt des Problems ist die Lösung bereits vorhanden! Ich liebe Lösungen! Wir müssen uns nur umschauen. Wir fahren unsere Systeme und die Welt an die Wand, wenn wir glauben, nach der Krise, genau gleich weiter machen zu können wie bisher. Mit den Lösungen von gestern und vorgestern können wir die Probleme von heute nicht lösen. Was können wir tun, dass unsere PolitikerInnen den Mut haben zu beschließen: “Wir machen das, aber ganz anders als bisher”. Wir laden unabhängige Spezialistinnen aus allen möglichen Bereichen, MenschenrechtsvertreterInnen, KünstlerInnen, PhilosophInnen, Frauen, Mütter, Männer, Väter, Singles, QuerdenkerInnen, KabarettistInnen, NeudenkerInnen, Fridays for Future, PetitionsstarterInnen, RevolutionärInnen aller Schichten und Altersklassen an einen runden Tisch ein und gestalten eine neue Ordnung, bei der ein ausgewogenes Geben und Nehmen, ein gleichberechtigtes miteinander Leben und Wirtschaften in einer gerechten Wirtschaftsordnung, als Gast auf dieser Erde, oberste Ziele sind. Gemeinsame Rechte und Pflichten, Freude und Lachen, Kreativität, Lebenskultur, Arbeitskultur, Sterbekultur befreiender Verzicht auf Konsum, mehr Sein als Haben. Schaffen wir das Paradies auf Erden für Menschen, Tiere und die Natur, endlich, gemeinsam. Wenn nicht jetzt wann dann? Die Zeit dafür war nie günstiger.