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Einblick

Was hätte Kant wohl zur Digitalen Ambivalenz gesagt?

Apps wären für den großen Moral-Philosophen Immanuel Kant wahrscheinlich ein Instrument gewesen, um Menschen in ihrer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ zu halten. Solche Fragen diskutieren Gerald Lembke und Ingo Leipner in ihrem neuen Buch: „Zum Frühstück gibt´s Apps“.  Hier ein Auszug aus dem Kapitel „Kühlschrank und Toaster im Gespräch“.

„Augmented Reality“,  „Google Glass”, „Radio Frenquency Identification“ (RFID), „Internet of Things“ (IoT) und „Wearables“ – auf den ersten Blick setzt sich hier ein Trend fort, der mit der Industriellen Revolution begonnen hat: Technik wird immer intelligenter, sie nimmt uns immer mehr Arbeit ab – und befreit uns von körperlicher Anstrengung, stupider Routine sowie von Tätigkeiten, die gesundheitlich bedenklich sind. Wer würde heute schon gerne seine Kinder ins Bergwerk schicken? Ambivalent ist aber der nächste Schritt, der sich beim Internet of Things ankündigt, eingebettet in die Welt der Hyperlocality. Diese Technologie könnte uns das Denken abnehmen!

Das wäre eine neue Qualität der Entwicklung, denn die komplexen Strukturen des künftigen Alltags werden von ebenso komplexen Systemen beherrscht, die daher automatisiert in unser Leben eingreifen müssen. „Wir treten damit in ein Zeitalter der selbst gewählten Unselbständigkeit ein – gewissermaßen einer das ganze Leben lang dauernden Kindheit“, schreibt der Trendforscher Max Celko in seinem 2008 erschienenen Aufsatz „Hyperlocality: Die Neuschöpfung der Wirklichkeit“.

„Selbst gewählte Unselbständigkeit“ – diese Formulierung erinnert nicht zufällig an Immanuel Kant (1724–1804). Der Philosoph aus Königsberg muss eine hervorragende Glaskugel besessen haben. Oder er hatte einfach grundlegende Wesenszüge des Menschen erkannt, als er 1784 in seinem berühmten Essay „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ schrieb:

„Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Theil der Menschen gerne Zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu seyn. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen.“

Heute hätte Kant noch Apps hinzugefügt, um seine Aufzählung der Bequemlichkeiten abzurunden …

Und Max Celko? Er greift zu einer literarischen Figur des 20. Jahrhunderts, um dasselbe Phänomen zu beschreiben: „Big Brother wandelt sich zu Big Mother, die uns umsorgt und für uns komplexe Entscheidungen fällt. Wir werden bemuttert von einem Überwachungsapparat.“ Er verweist auf eine drohende „Apathie“, die eine solche Entwicklung mit sich bringen könnte.

Auch die Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Miriam Meckel warnt in diesem Zusammenhang vor einer „totalitären Transparenz-Gesellschaft“. Aber: In dieser Gesellschaft herrschen noch Menschen über Menschen – mithilfe globaler Datenströme. Doch Prof. Meckel geht tausend Schritte weiter, denn in einem Science-Fiction beschreibt sie, wie Algorithmen die Herrschaft über die Menschheit übernehmen („NEXT – Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns“).

Buchcover "Zum Frühstück gibt's Apps"Zum Frühstück gibt´s Apps

Was bringt die „schöne neue Welt“? Segen oder Fluch? Gewinn oder Verlust? Aufbruch oder Absturz? Die Frage nach der Digitalen Ambivalenz ist der roter Faden in dem Buch, das Gerald Lembke und Ingo Leipner geschrieben haben. Erschienen ist es bei „Springer Spektrum“ als Hardcover und E-Book.

Die Themen sind vielfältig: Online-Shopping, Online-Dating oder Like-Wahn bei Facebook. Aber auch immer die Frage nach nachhaltigen Lebensstilen in einer digitalisierten Welt. So kommt im Kapitel „Hardware-Gläubige“ auch der Wachstumskritiker Tim Jackson zu Wort, weil die IT-Industrie mit ständig neuem Elektrospielzeug gewaltige Ressourcen frisst.

Es geht aber auch um „Shitstorms“, die über geschockte Unternehmen hereinbrechen. Oder: Mitarbeiter, die unter der täglichen E-Mail- Flut leiden. Auch der globale Spitzelskandal um die NSA ist ein Thema, genauso wie die digitale Transformation von Unternehmen und kritische Fragen, die sich zur Digitalität in Bildungsprozessen ergeben. In 18 locker geschriebenen Kapiteln erlebt der Leser eine bunte Reise durch die digitale Welt – mit viel Humor und analytischer Tiefe.

Ein erster humanoider Algorithmus erinnert sich: „Wir analysieren, welche Prozesse die menschlichen Gehirne noch ausführen und welche Prozesse inzwischen entbehrlich geworden sind. Die werden wir dann herunterfahren, sobald wir sie genau kennen.“ Vorher hatten es die Algorithmen geschafft, ihre Datenverarbeitungssysteme mit den neuronalen Prozessen des menschlichen Gehirns zu verknüpfen.

Sicher, alles Science-Fiction. Doch die jüngsten Entwicklungen zur Schnittstelle Maschine/Mensch wecken eine natürliche Skepsis. Wollen wir wirklich, dass Maschinen uns das Denken abnehmen? Es war ein großer Fortschritt, Maschinen statt Kinder im Bergwerk arbeiten zu lassen. Ist es genauso wertvoll, wenn Kühlschränke automatisch Milch bestellen, und wir die Kontrolle über unser Leben an Computer delegieren? Es wäre spannend, Kant solche Fragen zu stellen.

Im schon oben erwähnten Essay stellt er fest: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Daran ist der Mensch selbst schuld, wenn ein „Mangel der Entschließung und des Mutes“ vorliegt.

„Sapere aude!“, fordert Kant, was auf Deutsch bedeutet: „Wage zu denken!“

Die Konsequenz folgt im nächsten Satz: „,Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ Gerade diese Haltung wird immer notwendiger, um die Digitale Ambivalenz zu durchschauen.

Über die Autoren:

Der Wirtschaftsjournalist Ingo Leipner gründete 2005 die Textagentur EcoWords. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Unternehmenskultur, Ökonomie/Ökologie und Erneuerbare Energie. Kritisch verfolgt er die digitale Transformation der Wirtschaft.
 
Prof. Gerald Lembke ist Studiengangsleiter für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) und Präsident des Bundesverbandes für Medien und Marketing (BVMM). Er gilt als Experte in allen Fragen der Digitalität und hat bereits mehrere Fachbücher veröffentlicht.

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