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interview

„Freiheit braucht Regeln. Und zwar solche, für die ich mich freiwillig entscheide“

Nicolas Dierks erklärt, wie Philosophie uns im Alltag helfen kann

Nicolas Dierks erklärt, wie Philosophie uns im Alltag helfen kann

Abstrakt, kompliziert und lebensfern – so oder so ähnlich wird die westliche Philosophie oft bezeichnet. Dabei haben uns die Philosophen eine ganze Menge über das alltägliche Leben zu erzählen und können uns praktische Lebenshilfe geben, weiß Nicolas Dierks. Genau das zeigt der Philosoph und Bestseller-Autor in seinem neuen Buch „Luft nach oben – philosophische Strategien für ein besseres Leben“. Wir haben mit Dierks, der auch Mitglied der Triodos-Rangliste #nachhaltige100 ist, über sein neues Buch gesprochen.

Herr Dierks, das Bedürfnis nach östlichen Weisheitslehren, allen Arten von Coaching und alternativen Therapien ist gewaltig. Die praktische Seite unserer eigenen Philosophie scheinen wir vergessen zu haben, schreiben Sie in Ihrem Buch. Woran liegt das?

Zum Teil trägt die Philosophie selbst die Verantwortung dafür. Wie andere Fachbereiche auch, hat sich die Philosophie zu einer akademischen Spezialdisziplin entwickelt – mit eigener Forschung, eigener Fachsprache und so weiter. Daran ist zunächst nichts auszusetzen – nur haben wir moderne Menschen ein besonders tiefes Bedürfnis nach individueller und dennoch moralischer Lebensgestaltung. Deshalb gibt es den großen Bedarf an Orientierung. Doch das Überangebot an simplen Glücks- oder Erfolgs-Rezepten ist für uns weitgehend enttäuschend. Das lässt manchen sogar zynisch werden.

Deshalb finde ich es fast tragisch, dass sich unsere reiche philosophische Tradition so schwer zugänglich gemacht hat. Bedenken Sie: Es ging Philosophen seit der Antike stets auch um praktische Fragen einer guten Lebensführung. Gerade in der heutigen Zeit, wo gedankliche Eigenständigkeit und Flexibilität extrem gefordert sind, können wir aus der Philosophie großen Nutzen ziehen – wenn wir uns klarmachen, dass sie nicht nur in den Elfenbeinturm gehört.

Die Philosophie steht nicht unbedingt im Ruf, eine lebensnahe Wissenschaft zu sein. Sie wollen das Gegenteil beweisen. Philosophie und praktische Lebenshilfe, wie passt das zusammen?

Nicolas Dierks

Nicolas Dierks

Gegenfrage: Warum glauben wir eigentlich, dass es nicht zusammen passt? Vielleicht weil wir zuerst an die dicken Philosophie-Schinken denken, wie „Die Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel Kant. Vielleicht auch weil Philosophen sich öffentlich eher selten zu Lebensfragen äußern. Dabei ist die Grundfrage der Philosophie die praktische Frage „Was soll ich tun?“. Dann geht es darum, unsere Fähigkeiten zu entwickeln und unsere Gedanken und Gefühle zu klären, um letztlich ein gutes Leben für uns selbst und andere zu ermöglichen.

Das heißt auch konkret zu fragen: Welche Einsichten oder Übungen funktionieren im Leben, was bringt mir wirklich etwas? Deswegen haben Philosophen wie Nietzsche oder Seneca, wie Marc Aurel oder Montaigne auch keine komplizierten Traktate verfasst. Stattdessen haben sie ihre besten Gedanken und Übungen gesammelt, um den Alltag und das Leben im Ganzen zu meistern – und sie hatten teilweise harte Schicksalsschläge zu verkraften. Durch Philosophie dieser Art trainieren wir z. B. unsere Urteilsfähigkeit und verstärken unseren inneren Kontakt mit dem, was uns wirklich wichtig ist. Das macht sich im Leben deutlich bemerkbar.

Haben Sie eine konkrete Erkenntnis aus der Philosophiegeschichte, die Ihnen persönlich schon von Nutzen war?

Viele sogar. Eine wichtige Einsicht war für mich die Unterscheidung zwischen negativer und positiver Freiheit. Das mag zunächst abstrakt klingen, aber wenn man weiterdenkt, wird es sehr konkret. Wenn wir fragen „Wie frei bin ich überhaupt?“, dann denken wir zuerst an die Hindernisse in unserem Leben – z. B. gesellschaftliche Erwartungen und Zwänge. Diese schränken unsere „negative Freiheit“ ein. Davon wollen wir uns möglichst befreien und das ist auch richtig. Aber auch ohne Zwänge haben wir selbst nicht unbedingt die Fähigkeit, unser Leben konsequent nach unseren Vorstellungen zu gestalten. Diese „positive Freiheit“ meint Autonomie als Selbstgesetzgebung (von altgriech.: „auto“ = „sich selbst“ und „nomos“ = „Gesetz“).

Ich könnte frei von Zwängen und völlig unabhängig sein: Wenn ich aber ständig einfach tue, was ich gerade will oder wenn ich hemmende Gewohnheiten nicht verändere, dann beraube ich mich meiner eigenen Freiheit, so zu leben, wie ich es wirklich will. Das heißt: Freiheit braucht Regeln, und zwar solche, für die ich mich freiwillig entscheide. Diese Einsicht war für mich ein wichtiger Impuls, um neu über Verantwortung, Bindungen und Verpflichtungen nachzudenken.

Zur Person

Zur Person: Dr. Nicolas Dierks begeistert Menschen für neue Perspektiven – mit Vorträgen, Workshops und Büchern, u.a. anderem dem Spiegel-Bestseller „Was tue ich hier eigentlich?“ (Rowohlt 2014). 2017 erschien sein neues Buch „Luft nach oben“. Der promovierte Philosoph lebt in der Nähe von Lüneburg und gibt an der dortigen Leuphana Universität Seminare in Wissenschaftstheorie. Er berät Unternehmen zum Thema Innovation und Soziale Medien, trinkt gerne guten Espresso und vermittelt Philosophie mit Leidenschaft und Humor. Auf unserer Liste #nachhaltige100 befindet er sich seit Beginn unter den Top 20. Folgen Sie ihm auch auf Twitter, Facebook, XING und besuchen Sie seinen Blog.

Gibt die Philosophie uns die richtigen Antworten oder führt sie eher dazu, die richtigen Fragen zu stellen?

Letzteres. Natürlich haben geniale Menschen auch interessante Antworten gegeben. Aber Philosophie ist kein Lehrgebäude oder Wahrheits-Lexikon, wo man die Frage nachschlägt und dann einfach die richtige Antwort bekommt. Die Antworten auf die wesentlichen Fragen des Lebens – „Wie will ich leben?“ oder „Was ist mir wirklich wichtig?“ – müssen wir selbst geben. Allerdings kann Philosophie unsere Aufmerksamkeit dafür schärfen, Fragen auf die richtige Art zu stellen und unsere Überlegungen – zumindest für einige Zeit – zu einem klaren Abschluss zu bringen.

Gibt es Fragen, die wir uns nicht stellen sollten?

Ja, manchen Fragen sollten wir nicht auf den Leim gehen, etwa „Warum mache ich immer alles falsch?“. Solche Fragen, an denen wir endlos grübeln, können wir beim näheren Überlegen als sinnlos entlarven. Es gibt viel bessere Fragen, die uns eine echte Handlungsperspektive eröffnen, etwa: „Was kann ich aus dieser Erfahrung lernen?“

Oft liest man, dass Optimisten glücklicher seien. Sie schreiben, ein gesunder Pessimismus mache glücklicher. Wie ist das zu verstehen?

„Gesunder Pessimismus“ meint keine Schwarzseherei. Es geht darum, nicht durch naiven Optimismus aus allen Wolken zu fallen, wenn es im Beruf oder allgemein im Leben mal schief läuft. Studien zufolge scheitern viele Großprojekte daran, dass bei Planung und Durchführung blauäugiger Optimismus herrscht. Das ist weder für ein Unternehmen, noch für das eigene Leben eine gute Einstellung.

Was ist die bessere Alternative?

Stattdessen sollten wir, wenn wir morgens aus der Tür gehen, schon damit rechnen, dass das, was uns ohnehin regelmäßig ärgert oder frustriert, vermutlich auch heute oder morgen wieder passieren wird. Denn wenn zu erwarten ist, dass es passiert – warum sollten wir uns dann darüber ärgern? In starken negativen Zuständen geht es uns persönlich nicht gut und wir treffen eher Entscheidungen, die wir hinterher bereuen. Durch gesunden Pessimismus trainieren wir, nicht blind ins Unheil zu stolpern. Stattdessen können wir uns intelligenter vorbereiten und auch dann gefasst bleiben, wenn das Unheil tatsächlich hereinbricht. Damit fühlen wir uns erstens besser und zweitens können wir so klügere Entscheidungen treffen. Wir können mit einer klareren Haltung aktiv werden und an den Umständen, soweit möglich, auch etwas ändern. Langfristig geht es uns damit erheblich besser.

Ganz am Ende Ihres Buches beschreiben Sie 15 Strategien, die Veränderungen unmöglich machen. Was raten uns die Philosophen tunlichst zu unterlassen?

Einer der wichtigsten Hinweise stammt schon aus der „Nikomachischen Ethik“ des Aristoteles, ist also bereits 2300 Jahre alt. Er lautet: Ein besseres Leben zu führen ist wie ein Handwerk. Wir lernen es und werden darin besser, indem wir es betreiben. Wenn wir also besser leben wollen, dann sollten wir sofort damit beginnen. Warum warten? Wir sollten unseren Ausreden keinen Glauben schenken, sondern loslegen – jetzt.

Was meinen Sie, wie viele Menschen nicht so leben, wie sie es gerne würden, weil sie sich z. B. sorgen, was wohl die Anderen sagen werden. Rousseau hat dieses Problem in modernen Gesellschaften im 18. Jahrhundert als erster beschrieben. Einerseits brauchen wir als soziale Wesen die Anerkennung anderer. Aber andererseits werden wir uns selbst untreu, wenn wir unsere Lebensentscheidungen nur davon abhängig machen, ob andere uns dafür loben oder nicht. Deshalb ist es so wichtig, uns selbst die Erlaubnis zu geben und mit Mut das zu tun, was wir für richtig halten. Unsere Lebenszeit ist begrenzt. Je früher wir unsere Vorstellung eines guten Lebens umsetzen, desto länger haben wir etwas davon.

Interview: Michael Rebmann

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