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neuigkeit

Unterwegs außerhalb der eigenen Filterblase

Ein Reisebericht von Shai Hoffmann aus dem Bus der Begegnungen

Ein Reisebericht von Shai Hoffmann aus dem Bus der Begegnungen

Kann ich den aktuellen politischen Entwicklungen tatenlos zusehen und mich der Verantwortung entziehen, in einer Welt, die durch die Globalisierung immer komplexere Fragen aufwirft? Nein, sagt Shai Hoffmann. Deshalb ist er mit dem Bus der Begegnungen quer durch Deutschland gefahren.

Sind Sie schon mal Reichsbürgern begegnet? Ich bis vor kurzem auch nicht. Wollte ich ehrlich gesagt auch nie. Bis ich durch mein Engagement mit dem Bus der Begegnungen (BdB) zur Bundestagswahl 2017 gemerkt habe, wie wichtig es ist, regelmäßig die eigenen Filterblasen zu verlassen und so mit Menschen in Kontakt zu kommen, deren Meinungen und Ansichten man nicht unbedingt teilt.

Zuletzt sind wir für das Bayerische Bündnis für Toleranz mit dem BdB als ‘DemokratieBus’ durch Bayern gefahren. Dieser charmante Oldtimer-Doppeldeckerbus aus den siebziger Jahren bietet nicht nur Platz für die Buscrew, sondern eröffnet auch einen sicheren Raum für Begegnungen mit Menschen, die wir auf den Marktplätzen treffen. So waren wir zuletzt im Juli und September 2018 jeweils für eine Woche in ober- sowie mittelfränkischen Städten und Dörfern unterwegs und haben dort Menschen dazu eingeladen, mit uns bei einem Kaffee darüber zu sprechen, was Demokratie für sie bedeutet und was sie sich für diese in Zukunft wünschten.


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Shai Hoffmann (r.) unterwegs auf den Marktplätzen der Republik.

Die Eindrücke dieser Gespräche haben nicht nur bei uns Eindruck hinterlassen, denn auch der DemokratieBus wurde mit jedem Tour-Tag zu einer fahrenden Skulptur der Wünsche für die Demokratie, da wir unsere Gäste dazu einluden, ihre Antworten mit Eddings auf den mit beschreibbarer Folie beklebten Bus zu hinterlassen. So wurde auch die Neugierde und Aufmerksamkeit von Menschen geweckt, die den Bus nur im Vorbeifahren sahen – oder die unsere Tour durch die mehrteiligen und hochwertig produzierten Videotagebücher in den sozialen Netzwerken mit verfolgten.

Genau dort finden nämlich hitzige Debatten, die das derzeitige gesellschaftspolitische Klima Deutschlands sehr gut widerspiegeln, statt. Denunzierungen, Diskriminierung, jedwede Art von ‘Ismen’ und Hass stehen dabei schon fast an der Tagesordnung rechter Hetzer*innen, was mich als Enkelkind von Holocaustüberlebenden sehr besorgt und beunruhigt. Deshalb beschloss ich im Mai 2017 im Gespräch mit einem Freund nicht mehr tatenlos zuzusehen, sondern etwas zu unternehmen. Ich wollte verstehen, warum Deutschland einen Rechtsruck erfährt, denn um eine Haltung gegen Rassismus und Ausgrenzung beziehen zu können, muss ich mein Gegenüber erst einmal verstehen. Wenn wir jedoch stets unter Gleichgesinnten bleiben, wofür die sozialen Medien mit ihren vermeintlich intelligenten Algorithmen sorgen, bekommen wir nicht mit, was die Menschen außerhalb unserer eigenen Filterblasen bewegt und motiviert.

“Kann ich den aktuellen politischen Entwicklungen tatenlos zusehen und mich der Verantwortung entziehen, in einer Welt, die durch die Globalisierung immer komplexere Fragen aufwirft? Nein!”

Shai Hoffmann

Ehrliche Debatten brauchen Augenkontakt, denn lernt man eine Person über eventuelle Gemeinsamkeiten erst einmal besser kennen, so fällt das Hassen oft um einiges schwerer. Damit war die Idee des BdB geboren. Drei Wochen vor der Bundestagswahl 2017 fuhren wir auf Marktplätze in Ost- sowie Westdeutschland und fragten die Menschen, was ihnen derzeit Sorge bereite. Das Konzept ging auf. Und so waren wir im April 2018 gemeinsam mit der gemeinnützigen Hertie Stiftung als ‘Integrations-Bus’ in Deutschland unterwegs und zuletzt als ‘DemokratieBus’ in Bayern, um Menschen bedingungslos zuzuhören.

Wir führten mit den Menschen erstaunlich lange, intensive sowie intime Gespräche – ganz ‘analog’. So lernte ich bspw. Hayder in Pegnitz kennen, der mir erzählte, wie er aus dem Irak floh, um ein friedvolles Leben in Deutschland zu finden. Er ist hier nur geduldet, weshalb er nicht arbeiten darf, es dennoch als Altenpfleger bei seinem Freund Thomas tut, der vor 12 Jahren an ALS – einer degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems – erkrankte. Die Begeisterung, mit der Hayder mir von seiner neuen Heimat Deutschland, seinen lieb gewonnenen Freunden, Thomas und seine Frau Daniela, sowie seiner Sehnsucht nach seiner Familie, erzählt, haben mich sehr berührt. Hayder hielt sich länger am Bus auf, sodass auch Begegnungen mit Pegnitzer*innen zustande kamen, die bisher noch nie mit einem Geflüchteten in Kontakt kamen. In sehr vielen Begegnungen wurde auch die Angst vor der vermeintlichen Überfremdung genannt. Danach gefragt, ob man bereits Geflüchtete persönlichen kennengelernt hätte, verneinten mindestens 95% der Begegneten meine Frage. Diese irrationalen Ängste rühren oft von Stammtischgesprächen innerhalb eines bestimmten Milieus sowie rechten Meinungsseiten im Internet, die Verschwörungstheorien und somit ‘Angst’ gezielt verbreiten.

Die Begegnungen auf den Bustouren stoßen auch bei mir Reflexionsprozesse an. Ich hinterfrage dabei zunehmend meine Rolle als privilegierter Mann, der in einer leistungsorientierten, in sich Ungerechtigkeiten produzierenden, Gesellschaft lebt. Welche Verantwortung habe ich als weißer, westeuropäischer, gut ausgebildeter Bürger innerhalb der Gesellschaft, in der ich lebe oder sogar darüber hinaus? Kann ich den aktuellen politischen Entwicklungen tatenlos zusehen und mich der Verantwortung entziehen, in einer Welt, die durch die Globalisierung immer komplexere Fragen aufwirft?

Meine Antwort lautet klar: Nein!

Dem wachsenden Rechtspopulismus, der sich zunehmend durch demokratische Wahlen zu legitimieren vermag, muss eine mutige Narrative entgegengestellt werden, die die vielen Wanderwähler*innen und Unentschlossenen anspricht und abholt. Hier ist einerseits die Politik gefragt, die dem maßlosen und ungezügelten Neoliberalismus einen Riegel vorschieben muss, um die Gräben der Ungleichheit nicht noch tiefer werden zu lassen. Andererseits bestärken mich die vielen ehrenamtlich arbeitenden Menschen, die an ein friedvolles miteinander und einer pluralen Gesellschaft glauben. Menschen, die sich in ihrer Freizeit für schwächere, bedürftige Menschen einsetzen und somit unsere Gesellschaft kitten. Sie sind unerlässlich, denn ohne sie hätten wir die vermeintliche Flüchtlingskrise womöglich nicht geschultert und Suppenküchen und Kleiderkammern hätten keine Lebensmittel oder Textilien.

Das nehme ich von den Touren im Bus mit: Ein Gefühl der Glückseligkeit und Hoffnung, wenn ich die zig Initiativen, Vereine und Menschen sehe, die das Programm rund um den DemokratieBus gestaltet haben. Bürgerbündnisse, die sich in ihrer Stadt deutlich gegen den aufkeimenden Rassismus und Fremdenhass stellen, in dem sie sich zusammenschließen und gemeinsam stark sind. Sie geben mir Hoffnung und gehen mutig voran – für eine offene Gesellschaft, in der wir alle gut und gerne leben wollen. Die Politik darf gerne zu diesen Demokratie-Held*innen aufschauen und lernen.

Zur Person
Shai Hoffmann

Shai Hoffmann ist Social Entrepreneur, Speaker, Autor, Coach, Aktivist, Netzwerker – und vieles mehr. Mit den Karma Classics beispielsweise will Shai Konsument*innen zu einem bewussteren Konsum bewegen. Shai ist außerdem Teil des #nachhaltige100-Rankings.

Fotos: Peter van Heesen

Text: Shai Hoffmann

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Alvinevank vor 3 Tagen

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