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einblick

Tschüss Wirtschaftswachstum

Ein Appell für ein neues Wirtschaftsbild

Ein Appell für ein neues Wirtschaftsbild

Es ist utopisch zu glauben, dass wir unseren Planeten retten können und gleichzeitig am Paradigma des Wirtschaftswachstums festhalten. Trotzdem wird das Wirtschaftswachstum kaum hinterfragt. Zeit es endlich zu ändern.

Anfang Mai hat der Weltbiodiversitätsrat IPBES einen Bericht zum weltweiten Zustand der Artenvielfalt vorgelegt, der in seiner Botschaft glasklar ist: Wenn wir weiterhin vom Wirtschaftswachstum abhängig sind, wird die biologische Vielfalt unseres Planeten zerstört.

Ich glaube, dieser Bericht zeigt zwei Dinge. Erstens zeigt er: Um die Weltwirtschaft nachhaltiger zu gestalten, reicht es nicht aus dem CO2-Ausstoß zu messen und Treibhausgase zu reduzieren. Die zweite Botschaft, die in meinen Augen die noch wichtigere ist, lautet: Wir müssen wirklich anfangen, über den Wohlstand anders zu denken und müssen aufhören, das Wirtschaftswachstum zum A und O zu erklären.

Die Illusion von Nachhaltigkeit

Für diejenigen, die nicht an den Klimawandel glauben, sollte der IPBES-Bericht über die biologische Vielfalt eine Pflichtlektüre sein. Wir beobachten eine messbare Verringerung der Anzahl von Pflanzen- und Tierarten durch menschliche Aktivitäten. Diese Tatsache kann nicht ignoriert werden und kann nicht mit dem Argument übergangen werden, dass die Temperatur seit Beginn der Zeit schwankt.


Mehr zum Thema: Weg mit dem homo oeconomicus


Seit 1900 ist die Zahl der Pflanzenarten um rund 20% zurückgegangen. Der Bericht stellt fest, dass eine Million Arten vom Aussterben bedroht sind, mehr denn je in der Geschichte der Menschheit. Der Rückgang der Biodiversität ist vor allem auf menschliches wirtschaftliches Handeln zurückzuführen, das durch seinen Fokus auf stetiges Wachstum das Ökosystem unseres Planeten dauerhaft aus dem Gleichgewicht zu bringen droht.

So edel, wesentlich und nachhaltig die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (UN) auch sein mögen, die wir uns selbst gesetzt haben, es besteht keine Chance, dass wir sie erreichen, wenn wir unser Verhalten nicht drastisch ändern und unsere Gier zügeln. Die UN-Kommission ist daher der Ansicht, dass “die Entwicklung der globalen Finanz- und Wirtschaftssysteme zum Aufbau einer globalen nachhaltigen Wirtschaft, weg vom derzeit begrenzten Paradigma des Wirtschaftswachstums” die einzige Option ist.

Ein radikaler Appell

Das ist ein radikaler Appell, damit es diesbezüglich kein Missverständnis gibt. Radikaler als kaum ein anderer Appell, der seinen Ursprung in den Szenarien hat, für die die Klimawirkungen vom Weltklimarat IPCC berechnet wurden und werden. Denn diese Szenarien gehen von der Annahme aus, dass das Wirtschaftswachstum auf Biegen und Brechen fortgesetzt werden muss. Die Vorstellung, dass die Klimaziele erreichbar sind, basiert auf der optimistischen Annahme, dass ein beispielloser ökonomischer Wandel eintreten wird: eine tatsächliche absolute, globale Entkopplung des Wirtschaftswachstums und vom Anstieg der Treibhausgasemissionen. Bislang war es immer so, dass vermehrtes Wirtschaftswachstum zu vermehrtem Ausstoß an Klimagasen geführt hat.

“Wir werden wirklich anfangen müssen, einen anderen Ansatz für das institutionelle Gefüge der Weltwirtschaft zu wählen.”

Hans Stegeman

 

Hans Stegeman

Hans Stegeman, Head of Research and Investment bei Triodos Investment Management.

Warum soll das künftig anders sein? Innovative, aber zum Teil unerprobte Techniken, wie z.B. die großflächige unterirdische Speicherung von Treibhausgasen, sollten dies gewährleisten. Auch andere Annahmen, z.B. über Produktivitätssteigerungen und Innovationen, sind optimistischer als auf der Grundlage historischer Durchschnittswerte realistisch. Das ist, gelinde gesagt, bemerkenswert. Denn bei der Arbeit mit Zukunftsszenarien ist es sinnvoll, sehr nah an historischen Trends zu bleiben. Und der einzige historische Trend, der unbestreitbar beibehalten wird, ist der des Wirtschaftswachstums. Und genau hier liegt das Problem.

Wenn Sie optimistisch wären, könnten Sie argumentieren, dass die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Treibhausgasemissionen vielleicht eine Möglichkeit ist, wenn auch eine entfernte. Es ist jedoch nicht möglich, dieses Argument in Bezug auf den Zusammenhang zwischen Biodiversität und Wirtschaftswachstum zu untermauern, denn der Verlust der Biodiversität ist natürlich auf viele andere Faktoren neben der Emission von Treibhausgasen zurückzuführen. Dazu gehören alle Aspekte der wirtschaftlichen Tätigkeit, die sich auf unsere Umwelt auswirken. Und das macht es sehr schwierig, eine Erhöhung des Aktivitätsumfangs mit der Pflege dieser Umgebung zu verbinden, so sorgfältig wir auch versuchen, damit umzugehen. Deshalb befürworten die Autoren des UN-Berichts eine radikal andere Struktur unserer Wirtschaft.

Und da fängt es an, knifflig zu werden. Ein 180-Grad-Wendepunkt, der Jahrzehnte der Wirtschaftstheorie über Bord wirft, etwas loslässt, woran wir seit Jahren glauben; das ist es, was von uns verlangt wird: Unsere Abhängigkeit vom Wirtschaftswachstum aufzugeben. Eine Standard-Ökonomen-Antwort darauf, wie jeder weiß, dass Wirtschaftswachstum kein Indikator für Wohlstand ist, wird nicht reichen. Wir werden wirklich anfangen müssen, einen anderen Ansatz für das institutionelle Gefüge der Weltwirtschaft zu wählen.

Die Tatsache, dass es uns immer noch nicht gelungen ist, die Grenzen, die unser Planet setzt, zu akzeptieren und zu respektieren – auch nicht in der globalen Klimadiskussion – zeigt, wie schwierig das ist: Politiken, die nicht zu Wirtschaftswachstum führen, sind inakzeptabel. Unsere Politik ist und bleibt auf die Ökonomie ausgerichtet und wird von ihr begrenzt, nicht von der Ökologie.

Wirtschaftswachstum loslassen

Als Ökonom versuche ich mir insbesondere vorzustellen, wie wir den Wohlstand für die gegenwärtigen und zukünftigen Generationen angesichts der knappen Ressourcen, einschließlich der Natur, die uns zur Verfügung stehen, maximieren. Das Einzige, was ich feststellen kann, ist, dass diese Diskussion hauptsächlich auf der Grundlage einer engen Definition des Wirtschaftswachstums stattfindet. Aus diesem Grund möchte ich fünf Empfehlungen einbringen, die der Diskussion eine andere Richtung geben können.

Wie auch immer wir unsere Wirtschaft organisieren werden, wir sollten in erster Linie auf der Grundlage der Grenzen handeln, die uns das Ökosystem setzt. Meiner Meinung nach bedeutet dies, dass wir ein geringeres Wirtschaftswachstum als mögliche Folge akzeptieren müssen.

Zweitens sollten wir unsere Institutionen entsprechend organisieren, indem wir die Nutzung der natürlichen Ressourcen einschränken. Zum Beispiel, wie es Europa jetzt in Bezug auf die Treibhausgasemissionen tut. Und indem natürliche Ressourcen und Konsum anstelle von Arbeit zu einer größeren Quelle von Steuereinnahmen als heute gemacht werden; eine Ökologisierung der Steuereinnahmen.


Mehr zur Ökologisierung der Steuereinnahmen gibt es hier


Meine dritte Empfehlung: Das Bevölkerungswachstum sollte sich verlangsamen. Denn neben den Aktivitäten der Menschheit ist das Wachstum der Weltbevölkerung eine weitere große Herausforderung. Eine aktive Geburtenkontrolle würde die Dinge natürlich zu weit treiben, aber meiner Meinung nach ist die Aufforderung Kinder zu bekommen, das andere Extrem.

Viertens: Ermutigen Sie die Menschen, weniger zu arbeiten. In den Niederlanden haben wir hier bereits einige Fortschritte gemacht. Weniger Arbeitsstunden bei angemessener Bezahlung führen zu einer geringeren wirtschaftlichen Aktivität. Viele Menschen sehen mehr Freizeit als eine Leistung, die die Lebensqualität verbessert.

Fünftens: Abbau der Unterschiede im Wohlstand. Es scheint, dass in Ländern mit größerer Ungleichheit das Wirtschaftswachstum höher sein muss, um den Menschen den Eindruck zu vermitteln, dass sie in der Welt vorankommen. Je kleiner die Ungleichheiten, desto stabiler kann eine Volkswirtschaft sein. Auf globaler Ebene bedeutet dies, dass es für bestimmte Länder, wie die Niederlande, einfacher ist, ein geringeres Wirtschaftswachstum zu akzeptieren als für andere Länder, wie etwa Bangladesch, wo Wirtschaftswachstum direkt zu einer höheren Lebensqualität und einer längeren Lebenserwartung für weite Teile der Bevölkerung führt.

Wir als Weltgemeinschaft werden es versuchen – und es wohl auch schaffen, einen Teil der Artenvielfalt zu erhalten. Aber wir haben nicht mehr viel Zeit dafür.

Text: Hans Stegeman

Bild: Samuel Zeller via Unsplash


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Ilona Schulz vor 5 Monaten

Wir haben von allem zu viel! Zu viele Sorten Lebensmittel,Autos, Flugzeuge, Schiffe und vieles mehr ! Wird eigentlich nicht gebraucht !

Henning Munte vor 5 Monaten

Die Forderung nach immer weiterem Wirtschaftswachstum ist nicht nur eine reale Gefahr, sondern auch ein Verbrechen an den “kleinen Leuten”, vielen Ländern dieser Welt und vor allem nachfolgenden Generationen. Gut, wenn das Thema endlich weitere Verbreitung findet. Nachstehende Statistik zeigt sehr deutlich, wer Interesse an Wirtschaftswachstum hat, wem es nützt und wem es schadet …
http://wirtschaftswachstum-nein-danke.de/wp-content/uploads/2019/06/Grafik-WW.png

Friederike Tiedken vor 5 Monaten

Die ganze Natuschutz-und Umweltbewegung kämpft für diese Gedanken spätestens seit den 70-iger Jahren.
Wie viel Zeit braucht es denn noch?
Es gibt keine andere Alternative!

B. Energy vor 5 Monaten

Dass eine Bank die Auffassung vertritt, dass wir uns vom Wirtschaftswachstum verabschieden müssen, finde ich sehr ermutigend. Was mich irritiert ist der Satz:”Meiner Meinung nach bedeutet dies, dass wir ein geringeres Wirtschaftswachstum als mögliche Folge akzeptieren müssen.” Ich hatte den Text bis dahin so verstanden, dass nicht ein geringeres Wachstum, sondern eine Schrumpfung das Ziel sein muss. Schließlich gilt es, Zerstörtes wiederherzustellen und nicht etwas langsamer weitere Ökosysteme zu zerstören.

diefarbedesgeldes.de vor 5 Monaten

Here is nice gift for you. diefarbedesgeldes.de
http://bit.ly/2KyKIB7

Hergen Schwarzer vor 5 Monaten

Ich finde es gut, dass Sie das Thema ansprechen. Das sogenannte Klimaschutz-Programm ist in Wirklichkeit ein Weltzerstörungsprogramm,denn es ist ein riesiges Investitionsprogramm. Wenn der Kollaps eintritt wird die Eine Welt ausgerufen und die USA wollen die Welt beherrschen. CO2 ist für die Erde lebenswichtig. Methan als Maststab wäre sinnvoller aber wegen dem Fleischkonsum wird es nicht genannt. Rund 1 Milliarde Menschen verhungern und sterben weil das Getreide den armen Menschen weggenommen wird. Bekanntlich werden zirka aller Menschen zu 90 % krank wenn sie Fleisch und Fisch essen. Jeder sollte vegan leben. Positiv sind Ihre Hinweise auf ein bescheidendes Leben. Die Arbeitszeiten sollten drastisch gekürzt werden. Ich habe mich 6 Jahre als Regierungsrat beurlauben lassen. Es war die glücklichste Zeit. Ich habe in meinem Inneren Gott gefunden. Ich habe seit 64 Jahren keine Krankheiten und bin seit 34 Jahren Veganer. http://www.hergen.info

Joachim Henle vor 5 Monaten

Seit dem Bericht des Club of Romes sind 50 Jahre vergangen und der homo sapiens hat nichts gelernt, weil er immer erst an seine eigene Bedürfnisse und sein persönliches Wohlergehen denkt. Vielleicht ist das aber auch garnicht seine Aufgabe während seines so flüchtigen Daseins, dies zu lernen, sondern sich den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen. Wenigstens lehrt uns dies die Geschichte.

Fabian vor 5 Monaten

Hallo! Die Diagnosenist korrekt, allerdings kann man systemisch noch etwas tiefer gehen und die Geldschöpfung und das Schulden-basierte Geld als wesentlichen Wachstumsmotor identifizieren. Für Triodos als Bank ist das doch eine geniale Gelegenheit hier mal im Kleinen Alternativen auszuprobieren wie zinsfreie Kredite oder Mutual Credit. Siehe dazu zum Beispiel https://lowimpact.org oder https://beyondmoney.net
Danke für den Artikel!

SWTG vor 5 Monaten

Zunächst mal brauchen wir mehr, viel mehr: Alten- und Krankenpfleger, um die gegen Menschenrechte verstoßenden Zustände in den Altenheimen und Krankenhäusern zu beenden, mehr Feuerwehrleute (achten sie das nächste Mal, wenn sie Blaulicht sehen, für wieviele Menschen diese Fahrzeuge ausgelegt sind,und wie groß die tatsächliche Besatzung ist), mehr Bahnmitarbeiter, mehr Solarparks, mehr Passivhäuser…
Und dann die vielen Mitarbeiter für die UNO-Organisation, die es sich zur Aufgabe machen, innovative wirtschaftliche Leitsektoren in Dritt- und Schwellenländern aufzubauen, um das Wohlstandsniveau dort massiv anzuheben (ggfs. gegen den Widerstand der herrschenden Kleptokratien)…
Ich bezweifle, dass sich das ohne Wachstum umsetzen lassen wird, eher im Gegenteil. Ich denke dann immer an meinen alten Prof. Dietmar Petzina, der mir einmal sinngemäß sagte die Menschheit könne nicht die Uhr auf das Jahr 1450 zurückdrehen; unsere Aufgabe bestünde darin, im Sattel zu bleiben und nicht abgeworfen zu werden.

Roland Erlebach vor 5 Monaten

…alles richtig…aber Energieverbrauch, CO2 Konzentration in der Athmosphäre und Biodiversitätsverlust korrelieren strikt mit der Weltbevölkerungs-“Explosion”. Die Kurven liegen direkt übereinander. Ohne dieses Thema hart, sehr hart anzupacken, wird es keine Lösung geben. Nur ein Beispiel: Ägypten wächst jährlich um ca. 1 Mio Neubürger. Wer könnte Ihnen den Appetit auf Fleisch, Auto und Urlaub moralisch absprechen…..

Borm Angelika vor 5 Monaten

Zitat von Berthold Brecht “Das Gedächtnis der Mensch für erduldete Leiden ist kurz! Ihre Vorstellungsgabe für kommende Leiden, ist noch viel geringer. Das ist meine Meinung dazu ” Alle für einen und jeder für sich

Antwort an Borm Angelika
Borm Angelika vor 5 Monaten

Entschuldigung habe bei dem Wort Mensch das en vergessen.Es muss natürlich Menschen heißen

Stefan vor 4 Monaten

ich hab – nach eigenem ermessen – nicht viel Ahnung von Wirtschaft –
doch ich spüre immer wieder das ich mich mit dem Konzept ‘immer Mehr/Schneller/Weiter/Höher/…’
sehr schwer tue.. Wie alles hat auch diese mehrere Aspekte – und ich würde es nicht als ‘Schlecht’ oder ‘Gut’ definieren wollen – es ist – oder für mich hoffentlich – es war – das verbreitestete Gesellschaftliche Denken (in der Wirtschaft und auch in vielen anderen Bereichen…)
Für mich heißt Leben Veränderung – auch wenn ich selbst immer mal wieder in der ‘Bequemlichkeit’ des bekannten lande… das Ist für mich auch ok – annehmen das auch das noch ein Teil von mir ist.
Wie bin ich aufgewachsen? was habe ich alles erlebt?
Und doch weiß ich das ein Teil in mir Träumt –
Ideen von einem Gemeinschaftlichen zusammenleben –
in Harmonie miteinander –
und dabei alle und alles einschließend –
Menschen & Natur (& alles was es sonst noch gibt – wie auch immer man es nennen mag 😉 )

Für alle die Lust haben ein bisschen zu dem Thema ‘Gesellschaft’ zu stöbern kann ich Gerald Hüther (https://www.gerald-huether.de/) empfehlen. Er hat eine große Sammlung von Material welches er Frei zugänglich macht.

Ich finde er hat sehr viele spannende und für mich berührende Ideen und Ansichten – es hilft mir zu verstehen warum ich in diesem Moment in dieser Gesellschaft lebe – und gibt mir auch Ideen was ich persönlich für mich ändern kann…

Ich wünsche dir – der du diese Zeilen liest – einen wundervollen gut gelaunten und friedlichen Tag 🙂
sonnige grüße
stefan

Warum wir Nachhaltigkeit neu denken müssen vor 4 Monaten

[…] offenbart sich viel Potenzial für die Pioniere zukunftsfähiger Wirtschaftsparadigmen, die Wachstum nicht quantitativ, sondern qualitativ verstehen – und damit auch innerhalb eines […]


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