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einblick

Wachstum durch Zerstörung?

Ein kritischer Blick auf das Konzept Bruttoinlandsprodukt (BIP)

Ein kritischer Blick auf das Konzept Bruttoinlandsprodukt (BIP)

„Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt / wir steigern das Bruttosozialprodukt“, sang 1983 die Band „Geier Sturzflug“ – und brachte so die Ziele moderner Wirtschaftspolitik auf den Punkt: Wachstum, Wachstum, Wachstum.  Aber was wächst da eigentlich?

In den 1980er Jahren sang „Geier Sturzflug“ noch vom „Bruttosozialprodukt“, lang ist’s her. Inzwischen sprechen die Statistiker vom Bruttonationaleinkommen bzw. Bruttoinlandsprodukt (BIP), das sich in der Konzeption etwas von der ersten Größe unterscheidet. Dieses BIP ist zum Maß aller Dinge geworden. Es wird als einziges Maß herangezogen, um das Wohlergehen eines Landes zu messen. Das BIP beherrscht die Schlagzeilen: Wächst es um 0,5 oder 0,8 Prozent? „Wohl und Weh“ der Wirtschaft hängen von dieser Frage ab – aber auch Wohlstand und Glück der Bevölkerung?

Das Statistische Bundesamt schreibt: „Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist ein Maß für die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft in einem bestimmten Zeitraum.“ Es messe den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die im Inland hergestellt werden (Wertschöpfung). Dabei werden die Vorleistungen abgezogen. Darunter verstehen Statistiker Produkte, die „im Produktionsprozess untergehen“. Zum Beispiel Schrauben und Bleche in der PKW-Fertigung. „Das BIP ist damit die wichtigste Größe der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen“, so das Statistische Bundesamt.

Aber: An vielen Beispielen lässt sich zeigen, wie das BIP auf deutliche Grenzen stößt, wenn es gesellschaftliche Wohlfahrt messen soll.

Verteilung

Kommt SAP-Gründer Dietmar Hopp in eine Kneipe, steigt an der Theke sprunghaft das Durchschnittseinkommen. Doch keiner der anderen Gäste hat einen Cent mehr in der Tasche. Daher ist es fragwürdig, die Wohlfahrt eines Landes mit dem Indikator BIP/Kopf zu erfassen. Und: Das BIP kann stark wachsen, und trotzdem nimmt die Armut zu, weil die ökonomischen Gewinne nur einer kleinen Gruppe zufließen – zum Beispiel in den oligarchischen Gesellschaften Südamerikas.

Zerstörung der Natur

Kraftwerke verbrennen Kohle und Öl – der Einkauf dieser fossilen Brennstoffe erhöht das BIP. Gleichzeitig sorgen die CO2-Emissionen für den Treibhauseffekt, der langfristig große Schadenskosten verursacht. Und diese Schäden lösen die Investitionen von Morgen aus: Wer in Zukunft Deiche baut, steigert wieder das BIP. Wohlfahrt durch Naturzerstörung?

Kapitalbestände

Der Heizölhändler verkauft sein Öl an Haushalte – ein Umsatz, der positiv ins BIP eingeht. Gleichzeitig verschwindet aber eine endliche Ressource, deren Verlust nicht bilanziert wird. Solche Bestandsveränderungen berücksichtigt kein BIP der Welt. Das gilt auch für andere Ressourcen wie Grund und Boden oder das Humankapital einer Gesellschaft. Generell gilt: Alle “Leistungen” der Natur gehen unentgeltlich in die Berechnung des BIP ein – kostenlos werden Rohstoffe entnommen und Schadstoffe entsorgt.

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Informeller Sektor

„Wer ein Dienstmädchen einstellt und bezahlt, erhöht das Bruttoinlandsprodukt; wenn er das Dienstmädchen heiratet, senkt er das Bruttoinlandsprodukt wieder“ (Marcel Mart). Dieses Zitat zeigt überspitzt: Wer Kinder unentgeltlich betreut, Hausarbeit verrichtet oder dem Nachbarn hilft, trägt aus Sicht der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nichts zur gesellschaftlichen Wohlfahrt bei. Denn: Das BIP kennt nur das Marktgeschehen. Es erfasst allein Aktivitäten, die monetäre Ströme auslösen. Ehrenämter oder soziales Engagement spielen dabei keine Rolle – das BIP ignoriert den wichtigen informellen Sektor einer Gesellschaft.

Schattenwirtschaft

Aktivitäten der Schattenwirtschaft fallen unter den „Produktionsbegriff“ der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Dazu zählen auch illegale Transaktionen. Auf verschiedenen Wegen versucht das Statistische Bundesamt dieses Phänomen zu berücksichtigen, verzichtet aber auf eigene Berechnungen, wie groß der Anteil der Schattenwirtschaft am BIP ist. Schätzungen gehen davon aus: 2017 hatte die Schattenwirtschaft einen Umsatz von rund 330 Milliarden Euro, was 10,4 Prozent des BIP entspricht. Besonders heikel: Illegale Aktivitäten können das BIP erhöhen.

Kritischer Konsum

Das Kiosk an der Ecke verkauft eine Packung Zigaretten – das BIP steigt. Der Raucher landet mit Lungenkrebs im Krankenhaus, und die Kosten der Behandlung steigern ebenfalls das BIP. Außerdem trägt die Werbeagentur zum BIP bei, wenn Sie für Tabak wirbt – und Jugendliche früh zur Zigarette greifen. Und die Kosten der Suchtprävention? Sie schlagen auch positiv zu Buche. Gesellschaftliche Schäden, wohin man schaut … aber das BIP ist blind und registriert lediglich die Geldausgaben, die zu Wirtschafswachstum führen. Bildungsausgaben oder Geländewagen? Das BIP blickt nicht in die Zukunft: Es macht keinen Unterschied zwischen sinnvollem und schädlichem Konsum.

Mehr zum Thema: Ist “grünes” Wachstum überhaupt möglich?

Staatliche Aktivitäten

Für öffentliche Güter gibt es keinen Marktpreis, sie finanzieren sich aus Steuern und Abgaben. Das bedeutet: Der Wert von Bildung oder innerer Sicherheit muss geschätzt werden. Also zieht man deren Kosten heran, um den staatlichen Anteil am BIP zu bestimmen. Die Folge: Je kostspieliger der Staat seine Leistungen erbringt, desto größer ist sein Beitrag zur Wirtschaftsleistung eines Landes. Eine ineffiziente Bürokratie trägt zum BIP-Wachstum bei.

Defensivausgaben

An einer Autobahn entsteht eine Schallschutzmauer, damit deren Lärm die Anwohner weniger belästigt. Diese Investition versucht, den vorherigen Zustand ohne Autobahn wiederherzustellen – eine klassische Defensivausgabe, „um ein einmal erzieltes Niveau permanent gegen eine Erosion der Wohlfahrt abzusichern“, wie Hans Diefenbacher und Roland Zieschank schreiben. Solche Defensivausgaben fallen an, wenn Umweltschäden zu reparieren oder die Folgen von Arbeits- und Verkehrsunfällen zu beheben sind. Immer positiv fürs BIP – doch neuen Wohlstand gibt es auf diese Weise nicht.

Immaterielle Wohlfahrt

Wie bereits beim informellen Sektor gesehen, gehen Güter ohne Geldwert nicht in das BIP ein. Das gilt für den Wert der Freizeit oder den ästhetischen Reiz unberührter Natur; genauso für Freundschaft, Liebe und Lebensfreude. Gerade diese Aspekte des Lebens geben oft den Ausschlag, wenn die Wohlfahrt in einem Land zu beschreiben ist. Das BIP misst nur den materiellen Anteil – und der Volksmund sagt dazu: „Geld allein macht nicht glücklich.“

Verschuldung

Beim BIP ist Ausgabe gleich Ausgabe – egal ob sie aus echten Überschüssen oder Verschuldung finanziert wird. Wer einen Konsumentenkredit aufnimmt, um auf die Malediven zu fliegen, steigert das BIP. Das gilt auch für staatliche Kredite, um Autobahnen oder Krankenhäuser zu bauen. Ob folgende Generationen dadurch belastet werden, hat keine Bedeutung für das BIP. Und wie kam es zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise? Die USA erzielten vorher höhere Wachstumsraten als Europa, doch ihr BIP stand auf wackligen Beinen: Vor allem durch Schulden finanzierten die Amerikaner ihren Aufschwung – als die Blase am Immobilienmarkt platzte, brach die Wirtschaft zusammen.

 

Fazit

Das BIP ist immer noch der zentrale Indikator für die Wohlfahrt in einem Land. Aber es ist nicht in der Lage, wesentliche Aspekte dieser Wohlfahrt zu erfassen – und wertet sogar Umweltschäden als Gewinn für die Volkswirtschaft. Daher ist es sehr zweifelhaft, ob auch in Zukunft die Devise von „Geier Sturzflug“ gelten darf: „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt / wir steigern das Bruttosozialprodukt.“

Dieser Artikel ist Teil 1 über das BIP. Im zweiten Teil, der nächste Woche veröffentlicht wird, geht es um Bhutan und die dortige Auffassung der Wohlstandsmessung.

Text: Ingo Leipner

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