Die Journalistin Greta Taubert (32) hat sich auf die Suche nach Reichtum gemacht – doch nicht nach Reichtum im materiellen Sinn. Im Selbstversuch verweigerte sie sich ein Jahr lang der Lohnarbeit und traf Menschen, die eine andere Art von Reichtum leben: Zeitwohlstand. Niedergeschrieben hat Taubert ihre Erfahrungen in einem Buch “Im Club der Zeitmillionäre – Wie ich mich auf die Suche nach einem anderen Reichtum machte“. Für uns nahm sie sich Zeit, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Frau Taubert, was bedeutet Reichtum für Sie?
Wir alle kennen die Formel: Zeit ist Geld. Aber meistens wird diese Floskel gebraucht, wenn wir gehetzt sind. Hinter ihr steckt der Gedanke, dass jede Minute effizient in Geld verwandelt werden soll. Ich habe mich gefragt, ob man diese Formel auch umdrehen kann. Welcher Reichtum steckt in der Zeit selbst?

Wie haben Sie das gemacht?
Ich habe mir ein Jahr lang Zeit genommen um herauszufinden, wann Zeit reich macht. Dafür habe ich selbst Experimente gemacht und Menschen getroffen, die sich aus den festen Strukturen der Erwerbsarbeit herausgelöst und nach Möglichkeiten gesucht haben, ihre Zeit so souverän und sinnvoll und frei wie möglich zu gestalten. Und genau darum geht es beim “Zeitwohlstand”: selbstbestimmt über seine Zeit verfügen zu können.

Kann Zeit eine Währung sein?
Zeit ist eine knappe Ressource und deswegen ist sie so wertvoll. Je mehr wir unsere Lebenszeit an fremde Strukturen, wie Erwerbsarbeit, Bürokratie, Gerichtsverfahren, Stau und so weiter abgeben müssen, umso wertvoller werden die verbleibenden eigenen Zeiträume. Da sollte man aber nicht in Stress verfallen und

denken: Ohgottohgott, ein freier Tag, da will ich mich aber jetzt maximal und optimal entspannen. So funktioniert das nicht.

Wie klappt es besser?
Ich habe während meines Versuchsjahres gemerkt, dass ich den Wert der Zeit immer dann gefühlt habe, wenn ich mich voll und ganz in einen Moment hineinbegeben habe und ihn nicht rationalisiere.

Der Tag hat 24 Stunden, die Ressource Zeit ist für jeden Menschen gleich. Was machen Zeitmillionäre anders?
Zeitmillionäre gehen anders mit ihrer Zeit um. Sie wollen ihre Tage nicht so effizient wie möglich nutzen, um Geld, Status oder Konsumartikel dagegen einzutauschen. Sie gucken nicht in jeder Warteschlange, ob auf dem Telefon neue Nachrichten eingetroffen sind, die man noch schnell abarbeiten kann. Und sie brauchen kein Wellness-Retreat, um sich mal wieder zu spüren. Stattdessen ist Zeit für sie ein Besitz, über den sie frei verfügen können. Das kann bedeuten, nach dem eigenen Rhythmus zu leben und zu arbeiten; sich dafür zu entscheiden, lieber weniger Geld und dafür mehr Freiheit zu haben.

Momentalismus statt Kapitalismus – das ist meine innere Kampfansage.
Greta Taubert

Können Zeitmillionäre ihren Wohlstand verprassen?
Klar, können sie das. Aber wie bei jedem anderen Prassen wird einem dabei ziemlich schnell langweilig. Sich mal so richtig exzessiv der Zeitverschwendung hinzugeben, erscheint nur so lange luxuriös, wie es einen Bruch mit dem Alltäglichen bedeutet. Denn das ist Luxus ja: sich überdurchschnittlich zu verausgaben – egal, ob an Zeit oder Geld.

Gibt es eine Person aus dem Club der Zeitmillionäre, die sie besonders beeindruckt?
Mich beeindruckt eigentlich jeder Mensch, der sich die Freiheit schafft, Nein zu sagen. Der sich nicht zur tickenden Menschenmaschine macht. Der sich erlaubt, glücklich zu sein. Im Buch besuche ich Menschen, die das auch anderen ermöglichen wollen. Zum Beispiel Michael Bohmeyer, ein junger Berliner Internet-Startupper, der über eine Internetplattform Geld einsammelt. Immer, wenn 12.000 Euro erreicht sind, verlost er diese als Bedingungsloses Grundeinkommen. Er möchte herausfinden, was das mit Menschen macht, wenn sie vom Zwang zur Erwerbsarbeit befreit werden. Sie haben dann Zeit und können sich selbst fragen, was sie damit machen wollen. Werden sie faul und bringen unser gesellschaftliches System zum Einsturz – oder haben sie die Möglichkeit zu erkennen, was sie wirklich gut können und wollen und machen damit unsere Gesellschaft womöglich sogar besser?

Was hat das Jahr im Club der Zeitmillionäre mit Ihnen gemacht? Haben Sie es geschafft, das Hamsterrad des Müssens zu verlassen und in das Karussell des Könnens zu steigen?
Das ist mein Antrieb. Das lässt sich ja nicht fixieren und sagen: So, jetzt bin ich Zeitmillionärin, ich muss gar nichts. Aber ich habe erkannt, was mir das wichtigste im Leben ist: nämlich glückliche Momente zu erleben. Und in die schmeiße ich mich mit ganzer Hingabe hinein. “Momentalismus statt Kapitalismus” – das ist meine innere Kampfansage.

Haben Sie Tipps für alle, die Zeitwohlständler werden wollen?
Die Frage danach, wie wir Zeit als sinnvoll erleben, ist natürlich sehr subjektiv. Aber vielleicht hilft dem willigen Momentalisten diese Übung: Ich habe mal einen Tag lang ganz genau darauf geachtet, wie häufig ich die Wortgruppe “Ich muss…” sage. Es ist erschreckend. Ich muss das noch fertig machen, ich muss noch die Nachricht schicken, ich muss mich mit XY noch treffen, ich muss meine Haare waschen. Selbst für Sachen, die ich möchte, benutze ich die Wortgruppe. Kein Wunder, dass ich mich in einem Gefühl des ewigen Müssens gewähnt habe. Wenn man einfach mal sagt: Ich möchte jetzt zum Sport, ich kann jetzt mein Kind abholen, ich darf für alle kochen – dann verändert sich schon viel. Dann merkt man: Zeitwohlstand ist auch eine Einstellung.