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interview

„Die 20 größten Fleisch- und Milchkonzerne verursachen mehr Treibhausgasemissionen als ganz Deutschland“

Wie der Klimawandel mit unseren Essgewohnheiten zusammenhängt

Wie der Klimawandel mit unseren Essgewohnheiten zusammenhängt

Der Hunger auf Fleisch, insbesondere im globalen Norden, ist ein Treiber des Klimawandels. Die Organisation ProVeg hat sich zum Ziel gesetzt, den weltweiten Fleischkonsum bis zum Jahr 2040 um 50 Prozent zu senken.

Unsere Essgewohnheiten – insbesondere der große Appetit auf Fleisch – wirken sich stark negativ auf das Weltklima aus. Aber nicht nur das, sie bringen auch sogenannte Zivilisationskrankheiten mit sich. Die Organisation ProVeg ist angetreten, die Essgewohnheiten zu ändern. Katleen Haefele, Head of Food Services & Events bei ProVeg, erklärt, wie dies großflächig erreicht werden kann.

Katleen, ProVeg hat eine ganz besondere Mission. Kannst du die umreißen?

ProVeg ist eine international führende Ernährungsorganisation, die bereits auf vier Kontinenten aktiv ist und Individuen bei der schrittweisen Umsetzung einer genussvollen pflanzlichen Ernährung unterstützt. ProVeg arbeitet mit den einflussreichsten Multiplikatoren aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen, um den Wandel hin zu einer nachhaltigen Lebensweise auf Basis pflanzlicher Ernährung zu beschleunigen. Wir streben nach einer Welt, in der sich alle für genussvolles und gesundes Essen entscheiden, das gut für Menschen, Tiere und unsere Erde ist und haben uns zum Ziel gesetzt, den weltweiten Konsum tierischer Produkte bis zum Jahr 2040 um 50 % zu verringern.

 

Ihr sagt, dass viele unserer dringenden Probleme eine Ursache haben: unsere Ernährung. Bitte erkläre das genauer.

Immer mehr Menschen sind von sogenannten Zivilisationskrankheiten betroffen – Krankheiten, die oftmals in direktem Zusammenhang mit einem ungesunden Lebensstil stehen. Eine abwechslungsreiche pflanzliche Ernährung ist gut für die Gesundheit und kann hier vorbeugend wirken. Außerdem sind unsere aktuellen Ernährungsgewohnheiten der Grund, dass jährlich Milliarden Tiere ein kurzes und leidvolles Leben in der Massentierhaltung führen müssen – in einem System, das zudem sehr ressourcenintensiv, ineffizient und alles andere als nachhaltig ist und sich damit negativ auf die Umwelt auswirkt. Zu Zeiten einer stetig wachsenden Weltbevölkerung müssen wir uns der Frage stellen, wie wir zukünftig alle Menschen ernähren können.

ProVeg vertritt die Ansicht, dass unsere Ernährungsweise als Multiproblemlöser für die dringendsten Probleme unserer Gesellschaft fungieren kann. Wir sind der Meinung, dass eine pflanzliche bzw. pflanzenbetonte Ernährung eine gerechtere Welt für Mensch und Tier schafft, die Gesundheit unseres Planeten schont und dabei auch noch lecker ist.

 

Wenn über den Klimawandel gesprochen wird, steht meist die Kohleindustrie im Fokus. Doch auch die industrielle Tierhaltung ist eine der Ursachen für den Klimawandel…

Katleen Haefele

Katleen Haefele ist Head of Food Services & Events bei ProVeg.

…Die Fleisch-, Milch- und Eierproduktion gehören zu den Hauptursachen des vom Menschen verursachten Klimawandels, der Bodenerosion, der Wasserverschmutzung und des Rückgangs der biologischen Vielfalt. Nach Angaben der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) sind sogenannte Nutztiere für 14,5 % der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Weltweit sorgen die 20 größten Fleisch- und Milchkonzerne für mehr Treibhausgasemissionen als ganz Deutschland. Vor allem die Rindfleisch- und Milchproduktion trägt hier durch den Ausstoß von Methan aus Verdauungsprozessen sowie Lachgas aus der Mist- und Gülledüngung einen enormen Anteil bei – Gase, die bezogen auf ihr Treibhausgaspotenzial deutlich klimaschädlicher sind als CO2.

Neben den direkten Emissionen ist die industrielle Tierhaltung auch durch indirekte Emissionen infolge massiver Eingriffe in die Landschaft am Klimawandel beteiligt. Um Weideflächen zu schaffen oder Futterpflanzen anzubauen, werden große Flächen von Wäldern und Grasland gerodet oder Feuchtgebiete trockengelegt. Wälder wirken als massive Kohlenstoffsenken, in denen Kohlenstoff aus der Atmosphäre aufgenommen und gespeichert wird. Besonders kritisch ist hierbei die fortschreitende Zerstörung des Amazonas-Regenwalds, einem sensiblen Ökosystem, das bedeutsam für die Regulierung von Weltklima und Wetterzyklen ist.

Inzwischen ist gut untersucht, dass eine Ernährung mit einem hohen Anteil an pflanzlichen Lebensmitteln weniger schädlich für das Klima ist als eine Ernährung mit einem hohen Anteil an tierischen Produkten. Aus diesem Grund war ProVeg im Dezember 2018 auch zum 2. Mal auf der Weltklimakonferenz vertreten. Im polnischen Kattowitz waren unsere Vertreterinnen und Vertreter nicht nur in verschiedenen Podiumsdiskussionen aktiv, sie überreichten auch eine Petition mit über 100.000 Unterschriften, die sich für mehr Klimaschutz auf unseren Tellern aussprach, und nahmen den “Momentum for Change”-Award für erfolgreiche klimafreundliche Projekte entgegen. Die Anerkennung auf so hoher Ebene bestätigt die Ansätze von ProVeg: Klimaschutz beginnt auf unseren Tellern.

 

Fleischersatzprodukte wie Soja stehen auch in der Kritik, sehr umweltschädlich zu sein. Müssten sie nicht ausgeweitet werden, um den Großteil der Weltbevölkerung vegetarisch zu ernähren?

Es ist richtig, dass Soja oftmals in riesigen industriell bewirtschafteten Monokulturen angebaut wird und große Mengen an Pestiziden beansprucht. Der Flächenanspruch für den Sojaanbau geht oft zulasten des tropischen Regenwaldes und anderer wertvoller Ökosysteme. Wichtig ist hierbei jedoch zu wissen, dass der mit Abstand größte Anteil der heutigen Sojaernten nicht etwa als Veggie-Schnitzel auf unseren Tellern landet, sondern für die Futtermittelproduktion benötigt wird: Etwa 75 % der Sojabohnen werden für Tierfutter genutzt; hinzu kommt die industrielle Verwendung in beispielsweise Biodiesel und Farben.

Der zuletzt zu beobachtende Soja-Boom liegt also vor allem an der weltweit steigenden Nachfrage nach Fleisch und Milch. Eine Reduktion des Tierkonsums und die damit einhergehende Reduktion der Futtermittelproduktion würde landwirtschaftliche Nutzflächen freigeben, die für einen nachhaltigeren Anbau von Nutzpflanzen für den direkten Verzehr durch Menschen genutzt werden können.


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ProVeg lädt im März 2019 zur New Food Conference, um über das Essen von morgen zu diskutieren. Was erwartet die Besucher*innen hier?

Die New Food Conference richtet sich an Vertreterinnen und Vertreter der Lebensmittelbranche – von Produzierenden über Gastronomen bis hin zu Start-ups sowie Investoren und Investorinnen. Der Schwerpunkt liegt auf der Gestaltung des europäischen Marktes; die Veranstaltung ist hinsichtlich Größe und Zielgruppe die erste ihrer Art in Europa. Sie setzt sich mit der Verbraucherakzeptanz von Cultured Meat und pflanzlichen Alternativprodukten auseinander, ermöglicht das Netzwerken von Stakeholdern und zielt darauf ab, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren.

Der erste Tag ist pflanzlichen Proteinen gewidmet. Neben den aktuellen Entwicklungen am Markt wird es um Produktplatzierungen, Investitionsstrategien und Verbraucherakzeptanz gehen. Renommierte Vortragende wie die Ernährungsexpertin Hanni Rützler und der Produktmanager der schwedischen Burgerkette Max Burger, Jonas Mârtensson, teilen ihre Erfahrungen und diskutieren wie pflanzenbasierte Produkte in 2019 noch attraktiver gestaltet werden können. Am zweiten Tag wird es mehr um kultivierte Tierprodukte gehen, als um innovative Lebensmittel, die mit komplexen Technologien aus tierischen Zellen gezüchtet werden. Hier werden unter anderem Dr. Mark Post, “Vater des kultivierten Fleischs” und Michael Selden, Geschäftsführer von Finless Foods, auf die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet von Fleisch- und Fischprodukten eingehen. Außerdem werden die Bedeutung für Lebensmittelindustrie und Landwirtschaft sowie um rechtliche Rahmenbedingungen thematisiert.

 

ProVeg ist bekannt als Ernährungsorganisation, die sich für die pflanzliche Lebensweise einsetzt. Wie passen sogenannte “cleane” Tierprodukte, also Fleisch aus dem Labor, dazu?

ProVeg hat es sich zum Ziel gesetzt, den Tierkonsum bis 2040 um 50 % zu reduzieren. Um die problematischen Folgen unserer heutigen Ernährungsgewohnheiten anzugehen, ist strategisches und pragmatisches Handeln erforderlich. Die Zusammenarbeit mit einflussreichen Multiplikatoren aus Politik, Wirtschaft und Medien ist wichtig, um unsere Lebensmittelproduktion unabhängig von industrieller Tierhaltung zu machen. ProVeg ist überzeugt, dass kultivierte Tierprodukte hier einen wesentlichen Beitrag leisten und dabei helfen, unsere “50by40”-Mission zu erreichen.

 

Anmerkung der Redaktion: ProVeg ist davon überzeugt, dass Fleisch aus dem Labor künftig eine wichtige Rolle für die Ernährung weltweit spielen wird. In der Triodos-Redaktion haben wir kein klares Bild, wie wir zu gezüchtetem Fleisch stehen, deshalb geben wir die Frage gerne an Sie weiter. Was denken Sie darüber?

 

Foto von Katleen: ProVeg

Titelfoto: Stijn te Strake via Unsplash

mrn

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