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Einblick

Erziehung zur Freiheit

Der Waldorfkindergarten Möhringen: Wir sprachen mit Tatjana Funk und Alexander Heine über Waldorfpädagogik in diesen Zeiten. Denn die Erzieherin und Mitbegründerin und das Vorstandsmitglied stehen vor den besonderen Herausforderungen des Zeitgeists. Getroffen haben wir die beiden in „ihrem“ sonnengelben Haus mit den roten Fenstern. Dort, wo es geborgen und doch frei zugeht.

1919 wurde in Stuttgart, am Ursprungsort der Waldorfpädagogik, die erste Waldorfschule gegründet. Heute gibt es in Stuttgart vier Schulen und 13 Kindergärten, die nach den Prinzipien der Waldorfpädagogik arbeiten; fast jeder Stadtteil hat einen eigenen Waldorfkindergarten. Das war nicht immer so. Alexander Heine, erster Vorsitzender des Kindergartens in Möhringen und Vater zweier Kinder, erinnert sich am Beispiel seiner Heimatstadt Kassel, dass es zu seinen Kinderzeiten einen einzigen Waldorfkindergarten in der ganzen Stadt gab. Überzeugt von der Idee der Waldorfpädagogik, nahmen Eltern damals jeden Morgen und Mittag lange Wege auf sich, um ihre Kinder dort betreuen zu lassen. Heute sind die Waldorfkindergärten nicht nur in Stuttgart, sondern in den meisten Großstädten ein fester Bestandteil der Betreuung von Vorschulkindern geworden.

Kultur der Selbstverwaltung

Was sich seitdem auch verändert hat, ist die Motivation, die Eltern zu den Waldorfeinrichtungen bringt. Da es insbesondere für die Kleinkinderbetreuung viel zu wenige Plätze gibt, kommen viele Eltern aus der Not heraus zum ersten Mal mit der Waldorfpädagogik in Berührung. Heine betont aber die Wichtigkeit einer bewussten Entscheidung der Eltern für die Einrichtung und dass es „passen“ müsse: „Da wir hier eine Eltern-Erzieher-Gemeinschaft als Kultur leben, bei der man sich als Eltern mit einbringen darf, muss man das auch wollen.“ Die Selbstverwaltung und die Erziehungsgemeinschaft sind zentrale Bestandteile der in der Waldorfpädagogik gepflegten Kultur, egal ob Kindergarten oder Schule. Hier geben die Eltern ihre Kinder nicht einfach ab, sondern sie sind in verschiedenen Arbeitskreisen oder im Vorstand tätig und leisten so einen Beitrag dazu, dass die Einrichtung lebt.

Die Eltern gründen mit

So engagieren sich die Eltern in Möhringen gemeinsam mit den Erziehern zum Beispiel im Bau- oder Basarkreis oder sie übernehmen spezielle Arbeiten wie die Pflege des Gartens. Auch die in warmen Pastelltönen aufwendig lasierten Innenwände des Kindergartens sind ein Gemeinschaftswerk der Mütter und Väter. Die Arbeit der Eltern aber beginnt nicht erst, wenn die Einrichtungen schon existieren. Sie sind bereits maßgeblich an ihrer Entstehung beteiligt. Dass es heute in Stuttgart so viele Waldorfkindergärten gibt, ist der Initiative von Eltern zu verdanken, die sich einen Kindergarten in der Nähe ihres Wohnorts gewünscht hatten, damit die Kinder in ihrem gewohnten Umfeld bleiben können und zusammen mit anderen Kindern aus dem gleichen Stadtviertel betreut werden. Plätze in Kindergärten und Tagesstätten sind bekanntlich rar. Finden die Eltern keinen Platz für ihr Kind, ist das häufig die Initialzündung für eine Neugründung einer Einrichtung.

So war es auch in Möhringen. Tatjana Funk gehört zu den Mitbegründerinnen des Kindergartens. Sie hatte zuvor als Erzieherin im Waldorfkindergarten Sonnenberg gearbeitet. Dort war der Andrang sehr groß, viele Kinder bekamen eine Absage. Das war der Anstoß, im Winter 2000 zusammen mit einigen Eltern den Waldorfkindergarten Möhringen zu gründen, der seinen Betrieb im September 2001 mit einer ersten Kindergruppe, damals noch in provisorischen Räumen, aufnahm. Der Verein zur Förderung der Waldorfpädagogik Möhringen e.V., der Trägerverein des Kindergartens, wurde dann im März 2002 gegründet. Nach einer weiteren provisorischen Zwischenstation zog der Kindergarten im Oktober 2011 in das neue gelbe, vom Verein erbaute Haus mitten in einem ruhigen Wohngebiet in Möhringen. Der Anstoß für den Neubau war, dass man dort drei Kindergruppen unter einem Dach aufnehmen konnte.

Bedarf an Kleinkinderbetreuung wächst

Die Erzieherinnen im Waldorfkindergarten Möhringen betreuen derzeit insgesamt 50 Kinder, aufgeteilt in drei Gruppen; zwei altersgemischte Kindergartengruppen mit je 20 Kindern im Alter von zwei bis sechs und eine weitere mit Kleinkindern ab dem Alter von neun Monaten. Die Einrichtung bietet mit verlängerten Öffnungszeiten eine Betreuung von 7.30 bis 15.30 Uhr. Dass Waldorfeinrichtungen nicht nur als Kindergarten, sondern auch als Kindertagesstätte für die ganz Kleinen fungieren, ist noch relativ neu und gerade erst im Entstehen. In Möhringen hat man mit diesem Angebot auf den Bedarf reagiert, den die Eltern haben. „In der Nachfrage sehen wir, dass die Eltern für ihre Kinder immer früher und immer länger Betreuung suchen“, so Heine, weil beide entweder berufstätig sein wollen oder müssen. Auch die zunehmende Zahl von Alleinerziehenden ist auf eine Kinderbetreuung angewiesen.

Was der Zeitgeist fordert

Diese Entwicklung ist ein Beispiel für die „Herausforderungen des Zeitgeistes“, wie es die Erzieher und Eltern im Leitbild des Kindergartens formuliert haben, das Bestandteil der stetigen Qualitätsarbeit der Einrichtung ist und einen Rahmen für das Miteinander definiert. Es gehe heute in der Waldorfpädagogik darum, dem Zeitgeist nicht unreflektiert hinterherzulaufen, sich ihm aber auch nicht zu verschließen, sondern verantwortungsvolle Antworten auf ihn zu finden, erklärt Heine, „die Fragen sind doch: Was wollen wir Eltern? Was für einen Anspruch haben wir an Erziehung? Was verstehen wir unter Kindsein?”

„Es ist an uns und an niemanden anderem, diese Fragen zu beantworten und die dafür notwendigen Entscheidungen zu treffen“, so Heine weiter zum kritischen Umgang mit aktuellen Entwicklungen, die aus der Gesellschaft an die Eltern und Erzieher herangetragen werden und für die Lösungen gefunden werden müssen.
Gut gelöst wurde auch die Gestaltung des neuen Gebäudes, die nach Aussage von Tatjana Funk ziemlich einmalig ist. Beide Kindergartengruppen haben innerhalb des Hauses so etwas wie eine eigene, abgeschlossene Wohnung – mit kleiner Küche, Badezimmer, Aufenthalts- und Essbereich. Innerhalb dieser Wohnung geht es die Stufen hinauf in den ersten Stock, in das Schlafzimmer, in dem kleine Betten mit rosafarbenem Himmel für den Mittagsschlaf stehen. Im ruhigen ersten Stock des Hauses ist auch die Kleinkindergruppe untergebracht.

Elektronische Medien sind nicht altersgemäß

Keine Waldorfeinrichtung – ob Schule oder Kindergarten – gleicht der anderen. Waldorfpädagogik sei das Fundament, aber entscheidend seien die Menschen, die sie leben, betonen Funk und Heine. So gehört ein besonderer und kritischer Umgang mit den elektronischen Medien zur individuellen Kultur des Kindergartens in Möhringen: „Über das Wahrnehmen mit allen Sinnen können unsere Kinder die Welt ,begreifen‘ lernen. Das heißt für uns, wir setzen keine elektronischen Medien ein“, so hat es die Eltern-Erzieher-Gemeinschaft im Leitbild der Einrichtung festgeschrieben. Als Hintergrund dazu, warum das Thema elektronische Medien so zentral sei, erläutert Tatjana Funk, dass für das Erlernen von Wort und Sprache die eigene Erfahrung ganz elementar sei. Damit ein Kind beispielsweise das Wort Sand lernen kann, müsse es den Sand auch direkt erleben und anfassen können. Elektronische Medien könnten diese Erfahrung nicht ersetzen und seien daher nicht altersgemäß.
Zwar verwenden die Erzieher im Kindergarten Möhringen von Zeit zu Zeit auch Bücher, aber meist wird mit der freien Erzählung und Spiel, zum Beispiel mit Puppen, gearbeitet. Das ermögliche auch einen besseren Kontakt zu den Kindern, wie Funk betont. „Am Ende ist es das Prinzip der Waldorfpädagogik, dass es weniger über den Kopf oder besser gar nicht über den Kopf geht, sondern über das Tun und das Erleben“, fasst Heine diesen Ansatz ergänzend zusammen. Durch hauswirtschaftliche und künstlerische Tätigkeiten wie Backen, Waschen, Kneten mit Bienenwachs können die Kinder die Welt im wahrsten Sinne des Wortes begreifen lernen.

Das Leitbild schafft Bewusstsein

Der Ausschluss von elektronischen Medien aus dem Kindergarten hat auch einen erheblichen Einfluss auf das, was zu Hause passiert. Bei der Frage, inwieweit elektronische Medien Teil der Erziehung sein sollen, kann nicht zwischen Kindergarten und den eigenen vier Wänden unterschieden werden. „Wenn ein Kind außerhalb der Kindergartenzeit stundenlang vor dem Fernsehgerät sitzt, dann kommt es vor, dass es hier am nächsten Tag als Wicki oder Spongebob reinkommt. Und das macht auch etwas mit den anderen Kindern“, so Heine.
Die Triodos Bank hat den sonnengelben Neubau des Waldorfkindergartens mit einem Kredit unterstützt. Dazu kamen Investitionskostenzuschüsse der Stadt Stuttgart und Bundesmittel zum Ausbau von Krippenplätzen; die restliche Finanzierung hat die Elterngemeinschaft des Kindergartens selbst möglich gemacht. Mit zinslosen Darlehen, die bei Austritt zurückbezahlt werden, haben sich die Eltern auch finanziell in den Neubau eingebracht. Alle Eltern sind Mitglieder im Verein zur Förderung der Waldorfpädagogik Möhringen e.V., der der freie Träger der Einrichtung ist. Der Kindergarten finanziert sich über die Vereinsbeiträge der Eltern und Zuschüsse der Stadt Stuttgart. Der monatliche Vereinsbeitrag beträgt 85 Euro, von dem sozial schwächer gestellte Eltern auch teilweise befreit werden können. Dieser Beitrag entspricht den Kosten für einen städtischen Kindergarten.
Das Leitbild schafft somit auch bei den Eltern ein Bewusstsein für relevante Themen. Es hilft den Müttern und Vätern, zum Beispiel beim Thema elektronische Medien, den Stellenwert zu definieren, den sie im Alltag haben sollen. Für den Vater Heine selbst eine ziemliche Herausforderung: Er ist Programdirektor beim privaten Radiosender Antenne 1. Heine bezeichnet sich als absoluten Medienfan, der diese Leidenschaft auch zum Beruf gemacht hat und dessen Alltag von morgens bis abends von den Medien geprägt ist. Wenn seine Kinder anwesend sind, läuft das Radio aber fast gar nicht und der Fernseher überhaupt nicht. Er betont: „Es fängt bei uns Eltern an. Es hat ganz viel mit mir zu tun. Ich komme aus der Nummer nicht raus.“

Kultur der Freiwilligkeit

Wesentliche Bestandteile der Kultur der Waldorfpädagogik sind der freie Impuls, sich mit etwas zu beschäftigen und das Lernen am Vorbild. So wird in Möhringen kein Elternteil dazu verpflichtet, etwas zu tun. „Mir ist das wichtig, dass alles freiwillig ist. Die Kinder spüren das, wenn die Eltern sich einbringen. Jeder bringt seine Fähigkeiten hier ein, und das funktioniert gut,“ sagt Tatjana Funk.

Wie in allen sozialen Gefügen verhalten sich natürlich auch in Möhringen die Eltern unterschiedlich. „Da gibt es Eltern, die voranschreiten, und die sind dann auch ein Vorbild für andere“, so Heine. Er selbst ist bereits seit fünf Jahren als erster Vorsitzender des Kindergartenvorstands aktiv und hat als Mitglied des Baukreises viel Zeit und Arbeit in den Neubau des Kindergartens gesteckt.
Gefragt nach seiner Motivation, warum er das neben seinem Beruf und der Familie macht, sagt er, dass es ihm darum gehe „etwas zurückzugeben und etwas hinterlassen zu können“. Dass erst sein mittlerweile schulpflichtiger Sohn und jetzt seine Tochter in der Kleinkindergruppe von Möhringen betreut werden können, sei nur möglich, weil es andere Eltern davor gegeben habe, die Mut, Kraft und Zeit gehabt hätten, die Einrichtung zu gründen. „Einen Teil zurückzugeben und das weiterzuführen, das ist der Impuls“, so Heine. Durch sein heutiges Engagement könne auch die nächste Kindergeneration wieder in den Genuss der Einrichtung in Möhringen kommen.

Erziehung zwischen Geborgenheit und Freiheit

Weitere wichtige Prinzipien der Waldorfpädagogik sind Rhythmus und Wiederholung – jeden Tag, jede Woche und im Jahresverlauf. Das gibt den Kindern Geborgenheit und Sicherheit. So spielen die Kinder in Möhringen zum Beispiel jeden Tag draußen im Garten, unabhängig davon, ob die Sonne scheint, es regnet oder schneit. Aber nicht nur die Tage haben im Kindergarten Möhringen eine feste Struktur; jeden Montag gibt es Müsli zum Frühstück und der Dienstag ist immer Nudeltag.
Darüber hinaus bestimmen die christlichen Feiertage und Jahreszeiten die Tätigkeiten in der Einrichtung. Beispielsweise feiert der Kindergarten im Herbst ein Erntedankfest, passend zur heimischen Ernte. Die Vorbereitungen dafür werden in den Kindergartentag integriert. Auch hier lernen die Kinder wieder nach dem Prinzip von Vorbild und Nachahmung. Basteln die Erzieherinnen und Erzieher zum Beispiel Girlanden für ein Fest, wollen die Kinder das von sich aus nachspielen und selbst mitmachen. Womit noch ein anderes wichtiges und wertvolles Prinzip der Waldorfpädagogik berührt wird: die Erziehung zur Freiheit. Ziel ist, dass sich die Kinder in der Geborgenheit des Kindergartens zu freien und selbstständigen Menschen entwickeln können. sr

Die Triodos Bank hat den sonnengelben Neubau des Waldorfkindergartens mit einem Kredit unterstützt. Dazu kamen Investitionskostenzuschüsse der Stadt Stuttgart und Bundesmittel zum Ausbau von Krippenplätzen; die restliche Finanzierung hat die Elterngemeinschaft des Kindergartens selbst möglich gemacht. Mit zinslosen Darlehen, die bei Austritt zurückbezahlt werden, haben sich die Eltern auch finanziell in den Neubau eingebracht. Alle Eltern sind Mitglieder im Verein zur Förderung der Waldorfpädagogik Möhringen e.V., der der freie Träger der Einrichtung ist. Der Kindergarten finanziert sich über die Vereinsbeiträge der Eltern und Zuschüsse der Stadt Stuttgart. Der monatliche Vereinsbeitrag beträgt 85 Euro, von dem sozial schwächer gestellte Eltern auch teilweise befreit werden können. Dieser Beitrag entspricht den Kosten für einen städtischen Kindergarten.

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Matthias Wachter vor 5 Jahren

Freiheit und Förderung des freien Denkens statt Einzwängen in Raster und Standards. Das braucht es viel mehr.