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interview

Wie ist es möglich, dass ein Hamburger billiger ist als ein Salat?

Triodos Bank fordert weltweite Agrarwende

Triodos Bank fordert weltweite Agrarwende

Lebensmittel sind für uns von unschätzbarem Wert. Doch die Art und Weise wie wir sie produzieren, schadet unseren Ökosystemen, unserer Gesundheit und unserem sozialen Gefüge. Deshalb brauchen wir einen grundlegenden Wandel in der Landwirtschaft.

Lebensmittel sind in unserem Alltag von unschätzbarem Wert. Wir brauchen sie, um zu überleben, sie verbinden uns miteinander und mit der Natur – und sind eng mit Kultur und Tradition verbunden. Doch die Art und Weise, wie wir derzeit und überwiegend unsere Lebensmittel produzieren und konsumieren, schadet unseren Ökosystemen und unserer eigenen Gesundheit erheblich. Außerdem trägt sie zur sozialen Ungleichheit bei.

Das muss sich ändern, fordern wir von der Triodos Bank. In unserem “Whitepaper” „Towards Ecologically and social resilient food and agriculture systems“ plädieren wir für einen grundlegenden Wandel unseres landwirtschaftlichen Systems: Gesunde und leckere Lebensmittel müssen innerhalb der Grenzen unseres Planeten produziert werden. Wir müssen zu einem System übergehen, das Lebensmittel im Einklang mit der Natur produziert, anstatt gegen sie zu arbeiten. Und die Landwirte sollten einen fairen Preis für ihre Arbeit erhalten.

Riëlla Hollander, Director Food and Agriculture bei Triodos Investment Management, ist eine der Hauptautorinnen des Berichts und ist eine ausgewiesene Expertin. Wir haben mit ihr über die Notwendigkeit eines Wandels in der globalen Landwirtschaft gesprochen.

Was läuft aktuell falsch im globalen Ernährungssystem?

Seit Jahrzehnten ist es das Hauptziel unseres Ernährungssystems, so viele Lebensmittel wie möglich zu einem möglichst niedrigen Preis zu produzieren. Die negativen Auswirkungen dieses Ansatzes auf Boden, Luft, Wasser und Biodiversität wurden jedoch weitgehend ignoriert. Gleiches gilt für die negativen Auswirkungen der aktuellen Ernährungsgewohnheiten auf unsere Gesundheit und die Auswirkungen der globalisierten Lebensmittelmärkte auf die Wohlstandsverteilung.

Die Grenzen davon sind nun erreicht. Die Vereinten Nationen haben kürzlich einen alarmierenden Bericht über die biologische Vielfalt veröffentlicht. Die Zahl der Pflanzen- und Tierarten nimmt aufgrund menschlicher Aktivitäten so stark ab, dass das menschliche Leben dadurch gefährdet ist. Schätzungsweise eine Million Pflanzen- und Tierarten sind in den kommenden Jahrzehnten vom Aussterben bedroht.

“Seit Jahrzehnten ist es das Hauptziel unseres Ernährungssystems, so viele Lebensmittel wie möglich zu einem möglichst niedrigen Preis zu produzieren.”

Riëlla Hollander

Die Zahl der Menschen, die an Fettleibigkeit leiden, übersteigt heute die immer noch hohe Zahl der Menschen, die an Hunger leiden. Unser Fleischkonsum hat negative Auswirkungen auf das Klima und hoch verarbeitete Lebensmittel beeinflussen unsere Gesundheit negativ.

Machtkonzentrationen verwehren vielen Kleinbauern ein faires Einkommen. Etwa 500 Millionen Kleinbauern und ihre Familien, vor allem in Entwicklungsländern, leben oft in Armut, während sie uns mit den Lebensmitteln versorgen, die wir jeden Tag genießen.

Riëlla Hollander

Welche Veränderung schwebt dir vor?

Wir brauchen einen radikalen und systemischen Wandel in der Art und Weise, wie wir unsere Lebensmittel produzieren, handeln und konsumieren. Es reicht nicht mehr aus, das bestehende System einfach zu verbessern. Wir sind der Meinung, dass jeder zu einem Ernährungssystem beitragen sollte, das Ökosysteme, Gesundheit und integrativen Wohlstand in Einklang bringt. Dies sind die Zutaten für ein widerstandsfähiges zukünftiges Nahrungsmittelsystem.

Es gibt landwirtschaftliche Methoden, die sowohl Ökosysteme als auch Menschen unterstützen. Die Landwirtschaft sollte sich nicht nur auf die Produktion großer Mengen billiger Lebensmittel konzentrieren. Sie sollte auch den Schutz der Ressourcen unseres Planeten sowie die Qualität und Vielfalt der Lebensmittel in den Mittelpunkt stellen. Das bedeutet, dass Lebensmittel nachhaltig produziert und so weit wie möglich vor Ort verzehrt werden sollten.

Lebensmittelabfälle sollten auf ein Minimum reduziert werden. Wir müssen auf eine Ernährung umsteigen, die zum größten Teil aus frischen, pflanzlichen Produkten besteht. Wir sagen nicht, dass jeder Vegetarier werden sollte, aber es besteht die Notwendigkeit, weniger Fleisch zu essen, nicht nur aus gesundheitlichen Gründen, sondern auch um den Raum für einen Wechsel zu einer nachhaltigen Landwirtschaft zu schaffen. Wir sind uns bewusst, dass dies für viele Viehhalter und Fleischverarbeiter eine herausfordernde Schlussfolgerung ist, weshalb sie bei ihrem Übergang zu zukunftsfähigen Geschäftsmodellen unterstützt werden sollten.

Kleinbauern in Schwellenländern sollte bei ihrem Zugang zu Land, Saatgut, Kapital, Bildung, Wissen und Infrastruktur geholfen werden. Die Landwirte in den entwickelten Märkten sollten ermutigt werden, sich von der intensiven Landwirtschaft, die sich negativ auf die Ökosysteme auswirkt, zu regenerativen Formen der Landwirtschaft zu bewegen. Machtkonzentrationen in der Produktionskette müssen durchbrochen werden, was zu einer fairen Bezahlung entlang der gesamten globalen Lebensmittelwertschöpfungskette führt.

Heißt das, dass wir in Zukunft viel mehr für unsere Lebensmittel bezahlen?

Ich bin überzeugt, dass wir derzeit zu wenig bezahlen. In der westlichen Welt haben wir früher einen viel höheren Anteil unseres Einkommens für Lebensmittel ausgegeben. Der derzeitige Preis für Lebensmittel in den Geschäften ist auf lange Sicht nicht realistisch, da er die Schäden an Ökosystemen, ernährungsbedingte Krankheiten und Lohndumping nicht berücksichtigt. Wie ist es möglich, dass ein Hamburger billiger ist als ein Salat? Unserer Meinung nach sollten diese Kosten im Preis der Lebensmittel enthalten sein. Dies führt zu niedrigeren Steuern und Gesundheitskosten, da Schäden an Natur und Gesundheit vermieden werden können. Ein wahrer Preis für unsere Lebensmittel wird uns ermutigen, bewusstere Entscheidungen in unseren Essgewohnheiten zu treffen.

Wessen Verantwortung ist das?

Die von allen. Es liegt an uns, die notwendigen Änderungen vorzunehmen. Regierungen, Unternehmen, einschließlich Banken und Wissenschaft, tragen alle eine Verantwortung dafür, diesen Übergang zu fördern. Die Verbraucher sollten auch in die Lage versetzt und ermutigt werden, bewusstere Entscheidungen über Lebensmittel zu treffen. Wir glauben, dass eine gemeinsame Anstrengung erforderlich ist.


Geld nachhaltig rauf und runter: das Girokonto der Triodos Bank


Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die einzelnen Regierungen und die Europäische Union eine neue Politik entwickeln. Die EU-Agrarpolitik wird in etwa zwei Jahren überprüft. Dies ist eine wichtige Gelegenheit für eine grundlegende Neugestaltung. Künftige Politik sollten es den Landwirten erleichtern, regenerative Formen der Landwirtschaft einzuführen. Ökologische Landwirtschaft sollte subventioniert werden. Dies wird die Landwirtinnen und Landwirte dazu anregen, ihre Böden aktiv zu regenerieren, an der Kohlenstoffbindung und dem Wasserrückhalt zu arbeiten und die biologische Vielfalt zu erhalten. Die Landwirtinnen und Landwirte sollten für ihre wichtige Rolle belohnt werden.

Was kann der Finanzsektor tun?

Wir sehen uns in der Verantwortung, einen Beitrag zu leisten. Die von der Triodos Bank und Triodos Investment Management im Jahr 2018 finanzierten biologisch bewirtschafteten Betriebe haben 2018 umgerechnet 32 Millionen Mahlzeiten produziert. Das ist genug Nahrung, um rund 29.000 Menschen eine nachhaltige Ernährung zu ermöglichen.

Eine Nachhaltigkeitsbank allein reicht nicht aus, wir brauchen alle Finanzinstitute, um gemeinsam eine Agrarwende zu finanzieren. Geld kann eine Kraft für das Gute sein. Banken und Investmentmanager sollten nur in Agrarinitiativen investieren, die sich positiv auf Menschen und Umwelt auswirken. Unterm Strich sollten wir uns nicht mehr nur auf die Gewinnmaximierung konzentrieren, sondern auch auf das, worum es in unserem Ernährungssystem geht: die Bereitstellung nahrhafter Lebensmittel für alle, jetzt und in Zukunft.

mrn

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Avril J. Drew vor 4 Tagen

Guten Tag, die meisten von diese Artikel wüsste ich schon lang. Ich esse seit 40 Jahre nur Bio und seit 3 Jahre uberhaupt kein Fleisch mehr, fast kein Fisch oder Eier aber viel Gemuse und Fruchte. Aber wie willst Du dass bei
die meistens Menschen ändern und bei der CDU oder SPD ?? Die unterstützen nur die Industrie oder? Klar es
ist seit lang alles nötig was jetzt gescrieben ist aber wie??

Hannes Voss vor 4 Tagen

Hallo,
vielen Dank für den Artikel.
Ich erfreue mich immer an den Blogbeiträgen hier. Wie wir Lebensmittel wertschätzen ist uns leider in vielen Bereichen abhanden gekommen. Wo kommen die Lebensmittel her, wer hat sie wie und unter welchen Umständen erzeugt? Was kann der Endverbraucher tun, was die Politik um nachhaltig Lebensmittel zu konsumieren? Fragen, die sich unsere Gesellschaft “noch” zu wenig stellt. In unser Bequemlichkeit des Alltags kommt das Nachhaltigkeitsdenken bei Lebensmittel (wie auch in vielen Bereichen unseres Alltags: Mobilität, Reisen, Wohnen, Konsumieren…) oft zu kurz. Wir sind es gewohnt volle Regale im Supermarkt vorzufinden. Ist das ein Privileg? Ja. Ist es eine Selbstverständlichkeit? Definitiv – Nein. Alleine, dass der Endverbraucher mit 35% der weggeworfenen Lebensmitteln in Deutschland ins Gewicht fällt, sagt etwas über unsere Verantwortung. In Tonnen ausgedrückt, reden wir von ca. 6-7 Mio. t pro Jahr in Deutschland. Insgesamt 18 Mio. t pro Jahr für die Mülltonne produziert. Das ist doch nicht in Ordnung und schwer zu ertragen. Meine Großeltern hätten das nicht zugelassen, die mit der Einfachheit & Bescheidenheit nach den Weltkriegen aufgewachsen sind.
Ich kann jeden nur ermutigen über den Tellerrand zu schauen und sich Wissen zu unserem wenig nachhaltigen Lebensstil anzueignen. Von der Politik erfahren wir es leider nicht, da sie oft nur wirtschaftlich denkt. Dabei bräuchten wir sie als Endverbraucher mehr den je, wenn wir in allen Teilen unseres Lebens bis 2030 40% CO2 einsparen wollen (Agenda 2030). Wir reden hier von 11 Jahren Zeit und aktuell sehe ich in der Realität nur in kleinen Ansätze, dass wir das überhaupt schaffen können. Wir schauen seit mind. 2 Jahrzehnten zu, wissen zunehmend mehr über den schlechten Einfluss der Menschen auf die Umwelt und schaffen es nicht unsere Zukunft “kinder- & enkeltauglich” zu gestalten. In der Natur um uns rum lebt alles im Kreislauf: Es ist ein natürliches Geben & Nehmen. Alles im Gleichgewicht. Nur der Mensch macht das nicht.
Gebe ich die Hoffnung in den Mensch deshalb auf – Nein. Ich hoffe, dass wir es schaffen werden, auch wenn es aktuell schwer vorstellbar ist. Ich als Konsument werde weiterhin Zeit und Geld in eine nachhaltige Welt investieren.
Letzt endlich habe ich gelernt, dass ein nachhaltiger Lebensstil ein Prozess ist und nicht alles von heute auf morgen kommt. Irgendwo kann man immer anfangen. Und ganz ehrlich – es macht richtig Spaß!

Marion vor 3 Tagen

Ich habe mich auch schon immer gewundert, warum Äpfel teuerer sind als die gleiche Menge Apfelmus, die ja erst durch eine Fabrik laufen muss. Auch die Behäter kosten ja etwas und dabei fällt auch gleich mal mehr Abfall an. Ich finde den Artikel super und stehe voll dahinter. Wir essen sehr wenig Fleisch und viel Obst und Gemüse. Leider ist es ein Ärgernis, dass immer noch Glyphosat und Co unsere Lebensmittel verseuchen. DAS MUSS AUFHÖREN, wenn wir in eine gesunde Zukunft gehen wollen. Das erfordert aber vom Einzelnen ein Mitdenken und Umdenken. Wer immer nur seine Zustimmung für Aldi und Co gibt und immer nur auf die preiswertesten Waren schaut, ist nicht wirklich eine Unterstützung für diese Gedanken. Wir müssen Verantwortung übernehmen und weil wir die Macht haben, können wir auch entscheiden wie unsere Zukunft sich gestaltet!!!